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Erster Bericht von Amrei Spiecker vom Dezember 2007


Nun bin ich also in der Rolle, einen geeigneten Anfang fuer meinen ersten Bericht ueber die ersten zwei Monate hier in Louisville, Kentucky zu finden…und natuerlich weiss ich nicht, womit ich anfangen soll!

Vielleicht beginne ich damit, mich erst einmal vorzustellen:

Mein Name ist Amrei Spiecker, ich bin 15 Jahre alt und seit August hier in Louisville, Kentucky. Louisville ist eine Stadt mit ungefaehr 600.000 Einwohnern und liegt am Ohio River, direkt an der Grenze zu Indiana.

 

Ich bin sehr gluecklich hier und fuehle mich wirklich wohl, wobei der Hauptgrund

dafuer meine wirklich tolle Gastfamilie ist: Meine Gasteltern Michael und Alice und meine Geschwister Courtney (18), Matthew (21) und Kayce (23). Ich habe mich nach ein paar Tagen, als meine Unsicherheit etwas geschwunden war, sehr zuhause und als Familienmitglied angenommen gefuehlt.

 

Das Familienmiteinander hier erlebe ich als sehr feundlich und liebevoll - wenn man mal von dem gelegentlich pubertaeren  Benehmen seitens der Kinder den Eltern gegenueber absieht… Wir unternehmen viel miteinander, sei es, ins Kino, zu Football- und Basketballspielen, in die Kirche oder Essen zu gehen, zu shoppen, den Familienhund (einen hyperaktiven kleinen Havanesen, der alle Menschen liebt und ihnen auf Schritt und Tritt folgt- was schon mal nervig werden kann) auszufuehren oder die Kinder/Geschwister zu ihren Aktivitaeten zu begleiten.


Ich finde auch einfach wunderbar, wie viel Zeit da ist und auch wie viel Zeit meine Gasteltern sich nehmen koennen, um mich hierhin und dorthin zu begleiten, um zu meiner ersten Tennisstunde mitzukommen oder zu einer Orchesterprobe, um einfach dazusitzen und sich die Probenarbeit anzusehen (wobei ich oefters bezweifle, ob es fuer sie auch nur im Geringsten interessant ist). So etwas ist in meiner deutschen Familie mit sieben Kindern einfach nicht moeglich…

 

Ich mag auch besonders, dass in der Familie viel gesprochen wird, auch wenn es sich nur um die Ereignisse des Tages dreht. Jeder ist interessiert, wie es den anderen ergeht und weiss generell gut Bescheid, was bei den anderen gerade Wichtiges ansteht.


Ich habe auch das Gefuehl, dass mein Verhaeltnis zu meinen Gasteltern sich ueber die Zeit deutlich intensiviert hat, was ich vor allem daran merke, dass man ueber andere Sachen spricht, die mehr als nur Alltagsbelange sind. So habe ich mich mich mit meiner Gastmutter letztens ueber ihr Verhaeltnis zu ihren Eltern und Geschwistern unterhalten. Da habe ich gemerkt, dass fuer sie und ihre Schwester immer noch ein Thema ist, dass fuer ihre Eltern die beiden Jungen immer wichtiger waren : Die Jungen wurden zu Sportveranstaltungen begleitet, die Maedchen nicht, die Jungen sollten studieren, waehrend die Maedchen dann Krankenschwestern wurden und so weiter. (Ihre Familie kommt aus dem laendlichen Kentucky, wo es (noch) konservativer ist als im restlichen Kentucky.)

 

Auch hatte ich mit meinen Gasteltern ein paar Gespraeche ueber Religion. Religion ist fuer sie wirklich sehr wichtig. Sie gehen jeden Sonntag in die Kirche, vor jedem Essen wird gebetet und Gott fuer alles gedankt, was am Tag wichtiges (und unwichtiges) positives angefallen ist. Sie engagieren sich in der Kirche (Biblestudy, Freiwilligendienste etc.).


Ich finde sehr schoen, dass sie, auch wenn sie doch recht konservativ sind (und zum Beispiel nicht an die Evolution glauben), doch tolerant meinen Meinungen und Einstellungen gegenueber sind, auch wenn ich mich gelegentlich -natuerlich vorsichtig - kritisch ueber manche Dinge aeussere. Zum Beispiel kann ich mit manchen Sachen, die in der Kirche gepredigt werden, absolut nichts anfangen (wie: “Der Mann soll sich die Frau zum Untertane machen” etc.).

 

Auch mit meinen Gastgeschwistern ist es ausgesprochen nett und angenehm. Einzig mein Gastbruder Matthew fällt heraus, ganz einfach deshalb, weil er in Santa Barbara, California, studiert und nur zwei- bis dreimal im Jahr nach Hause kommt.


Am meisten habe ich mit meiner aeltesten Schwester Kayce zu tun, weil sie im Moment die einzige ist, die zuhause wohnt. Sie ist fuer ihr Refrendariat-sie wird Lehrerin- wieder zuhause eingezogen. Da sie auch gerne daheim ist und mich manchmal mit zu ihren Freunden mitnimmt, verbringe ich eine Menge Zeit mit ihr.


Meine andere Gastschwester Courtney ist seit diesem Jahr im College, kommt aber fast jede Woche zu Besuch , so dass ich sie auch oft sehe.

 

Neben meiner Gastfamilie ist die Schule fuer mich das Wichtigste.


Dank eines Stipendiums habe ich die Moeglichkeit, eine private Highschool zu besuchen-mit nur 45 Schuelern in vier Stufen. Die Groesse meiner Schule, aber auch die Freundlichkeit meiner Mitschueler und Lehrer hat es mir am Anfang sehr leicht gemacht, mich grundsaetzlich zurecht zu finden. Aber natuerlich war ich erst einmal furchtbar aufgeregt, als ich drei Tage nach meiner Ankunft meinen ersten Schultag hatte.


Umso dankbarer war ich, als ich relativ schnell mit ein paar Mitschuelern in meinen Kursen in Kontakt gekommen bin, sie mir geholfen haben und mich herumgefuehrt haben.

 

Die ersten paar Wochen habe ich generell als nicht so hart wie erwartet empfunden - sowohl, was das Anschlussfinden betraf als auch das Schulische. Natuerlich habe ich mich nicht direkt superwohl gefuehlt, aber ich musste nie alleine meinen Lunch essen oder die Pausen zubringen - und die Klassen waren bis auf meine Mathe-Klasse auch nicht unbewaeltigbar. Auch mit der Sprache hatte ich weniger Probleme als erwartet. Allerdings traue ich mich erst jetzt, auch einmal lustige Geschichten zu erzaehlen- minutenlange Wortsuche ist dabei natuerlich der absolute Killer …

 

Mitlerweile habe ich aber das Gefuehl, dass ich “drin” bin, und ich habe auch schon ein paar Mal mit anderen Schuelern etwas unternommen. Nichts Grosses, aber schon ein Kinobesuch mit ein paar Leuten aus der Schule macht mich im Moment gluecklich.

Leider hat die Schule nicht viele Sportangebote, aber im Moment schmerzt mich das wenig, weil ich mir 3 Wochen nach meiner Ankunft erst einmal einen Baenderriss zugezogen habe…Sonst habe ich aber angefangen Tennis zu spielen und golfe manchmal mit meinen Gasteltern-was bis jetzt heisst, dass ich nach zehn Versuchen den Ball treffe und dann meistens fuenf Bueschel ausgerissenes Gras zuruecklasse…aber aller Anfang ist schwer!

Was die Schule aber sehr wohl macht, ist, sich sozial zu engagieren- so bin ich nun im “Key Club”, wo wir meistens kleine Partys fuer Heimkinder veranstalten oder Geld für wohltätige Zwecke sammeln. Ein grosses Projekt ist naechste Woche, wenn wir fuer Waisenkinder eine Halloweenparty veranstalten.

Generell erstaunlich finde ich, wie intensiv sich manche Menschen hier sozial engagieren-und ein bisschen hat das auch schon auf mich abgefaerbt: Vor ein paar Wochen bin ich mit Teilen meiner Familie in den Osten von Kentucky gefahren, in eine  Region, die vor allem von Kohleabbau lebt und eine der aermsten Regionen in ganz Amerika ist.

Dort haben wir dann zusammen mit Ordensschwestern Essen fuer die aermsten Menschen in dem Ort serviert. Ich war geschockt, weil ich gemerkt habe, dass Armut hier ganz anders ist als das, was man unter Armut in Deutschland versteht. So einen Zustand an Verwahrlosung und Trostlosigkeit hatte ich vorher noch nicht gesehen…Dennoch, es war schoen, es gemacht zu haben, schon deshalb, weil die Menschen so gluecklich darueber waren, dass wir gekommen sind und ein paar Stunden Zeit mit ihnen verbracht haben.

Ausserdem habe ich angefangen, in der Kirche waehrend der Gottesdienste auf kleine Kinder aufzupassen. Das sehe ich aber nicht im geringsten als “Opfer” an – vielmehr vermisse ich meine kleinen Geschwister in Deutschland sehr, sodass ich wenigstens mit anderen kleinen Kindern zu tun haben wollte. So nervig ich meine Geschwister manchmal zu Hause erlebt habe - jetzt wuerde ich sie liebend gerne um mich haben…

 

Ich koennte aber auch generell von mir sagen, dass ich manche Dinge erst schaetzen gelernt habe, seit sie mir fehlen. Das fuer mich ueberraschenste Beispiel ist vielleicht, wie sich meine Gefuehle Deutschland gegenueber veraendert haben.

Ich war nie ein sonderlicher Patriot und habe mich eher geschaemt, deutsch zu sein als dass ich stolz darauf war. Doch seit ich hier bin, kommt Deutschland mir wie das Paradies auf Erden vor. Es ist noch nicht mal so, dass ich unzaehlige Beispiele haette, wo Dinge mir besser in Deutschland als in Amerika scheinen. Aber mitlerweile fuehle ich mich fast angegriffen, wenn jemand etwas gegen Deutschland oder Europa sagt. Sogar, wenn es ueberhaupt nicht notwendig ist, habe ich das Gefuehl, mein Heimatland verteidigen zu wollen.

Ich empfinde es teils als schoen, es ist schon nett, positive Gefuehle zu haben, was das eigene Heimatland anbetrifft. Teils ist es aber unpraktisch, sich angegriffen zu fuehlen, wenn jemand eine Bemerkung darueber macht, dass er Sauerkraut nicht mag.

 

Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie sich das ueber das Jahr entwickeln wird- und ob ich auch noch patriotische Gefuehle Deutschland gegenueber haben werde, wenn ich im Juni zurueckkomme...


 

Halbzeit

 


Halbzeit: Ein für mich im Moment sehr unschönes Wort. Ich kann gar nicht glauben, dass meine Zeit hier schon halb vorbei ist.

Ich geniesse es in Louisville so sehr, dass ich am liebsten hier bleiben würde- wenn meine Familie zuhause nicht wäre. Und die vermisse ich in der Tat. Im normalen Alltag fällt es gar nicht so auf, besonders seit ich diverse zusätzliche ausserschulische Aktivitäten aufgenommen habe. Aber an Tagen wie Silvester oder meinem Geburtstag packt es mich dann schon: Beide Tage sind immer etwas so besonderes zu Hause, wo meistens die ganze Familie beisammen ist...

 

Aber im Grunde genommen kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Ich komme immer noch ausgesprochen gut mit meiner Gastfamilie zurecht. Wir verbringen vielleicht nicht mehr ganz so viel Zeit zusammen wie am Anfang, aber ich glaube, das hängt vor allem damit zusammen, dass ich jetzt mehr und mehr andersweitig eingebunden und so weniger zu Hause bin.


Die meiste Zeit nimmt jetzt das Basketballspielen ein; ich bin in unserem Schulteam, das jeden Tag trainiert. Grottenschlecht sind wir zwar trotzdem, und ein Spiel haben wir noch nicht gewonnen, aber dafür sind in meinem Team die nettesten Mädchen der Schule- und unser Trainer ist ein sehr motivierter und junger Physik- und Mathelehrer. Ich finde auch bemerkenswert, dass unsere Gesamtmotivation nicht abgeschwächt wurde durch unser erstes Spiel, dass wir bedauernswerterweise 42-0 verloren haben. (Hierbei möchte ich aber auch anmerken, dass wir das erste Mädchenbasketballteam seit vier Jahren sind - und die Hälfte der Mädchen - mich eingeschlossen - noch nie vorher Basketball gespielt haben). Glücklicherweise macht mir mein Fussgelenk keine Probleme mehr nach meinem erneuten Bänderriss im Herbst; ich vermute, dass die Krankengymnastik da sehr geholfen hat.

 

Doch habe ich auch ausserhalb meiner Schule einiges mit Basketball zu tun: Meine Familie hat Saisontickets für unsere „UofL Cardinals“, unser Louisville College Basketballteam, das bemerkenswert gut ist. Zu den Basketballspielen zu gehen macht mir unglaublich Spass. Die Atmosphäre ist einfach wunderbar - abgesehen von den betrunkenen Menschen - und ich kann mit Stolz sagen, dass die Louisville Fans die besten in der ganzen Welt sind: Zu einem normalen Spiel kommen im Durchschnitt 20.000 Leute. Das Programm ist immer ähnlich, mit dem Danceteam und den Cheerleadern, bestimmten Liedern, die jedes Mal gespielt werden. Dann stehen alle auf und es wird herumgetanzt/hüpft. Zuletzt natürlich die Nationalhymne, deren Text ich so relativ schnell gelernt habe.

 

Emotional wird es auch immer, egal ob minutenlang gejubelt, weil wir einen schönen Korb gemacht haben, oder gebuht wird, weil die Schiedsrichter mal wieder falsch entschieden haben. Kurz und gut, in den paar Monaten der Basketballsaison hat meine Gastfamilie es schon geschafft, mich zu einem leidenschaftlichen Fan zu machen. Und das ist schlicht etwas, was es in Deutschland nicht gibt: So viele Menschen, die ein Collegeteam unterstützen, mit Fahnen am Auto herumfahren und sich für die Spiele von Kopf bis Fuss anmalen.

  

Langsam beginnen sich auch ein paar Klassenkameraden herauszukristallisieren, mit denen ich mehr unternehme. Etwas zu meinem Bedauern habe ich fast mehr mit anderen Ausländern zu tun als mit Amerikanern. Aber meine Schule ist so klein, dass sechs Austauschschüler schon die Hälfte meiner Stufe ausmachen.

 

Es ist auch grundsätzlich einfacher, mit den anderen Austauschschülern oder Ausländern ein Gespräch anzufangen - man hat einfach mehr „common ground“.

Ich habe aber das Gefühl, insgesamt wirklich angekommen zu sein. Ich geniesse sehr die Selbstverständlichkeit, mit der ich jeden Morgen in die Schule gehe, mich in den Klassen äussere, unseren nicht unglaublich schmackhaften Schullunch esse und mit meinen Klassenkameraden unterhalte.


An meinem Stundenplan hat sich im zweiten Halbjahr nichts wesentliches verändert, bis auf eine Stunde; ich habe meinen Kunstkurs nun gegen eine Rhetorik Klasse eingetauscht, die mir bis jetzt auch gut gefällt.

 

Kurz und gut, ich geniesse meine Zeit hier aus vollem Herzen und wenn noch nicht bevor, bin ich nun 100% üerzeugt, dass ein Auslandsjahr in Louisville so ziemlich das beste ist, das jemandem geschehen kann.

 
 

 

 
 
 

Für Pänz

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