Laura ist die dritte Schülerin, der ich über das Parlamentarisch Patenschaftsprogramm (PPP) einen einjährigen Bildungsaufenthalt in den USA vermitteln konnte. Sie lebt 2004/2005 bei einer Gastfamilie in St. Louis. Hier veröffentlichen wir ihre Berichte über ihren Aufenthalt.
Sollten Sie Fragen an Laura Kunz haben, dann leiten wir diese gerne an sie weiter: eMail
2½ Monate sind bisher vergangen, seit ich nach St. Louis in den USA, Bundesstaat Missouri, gekommen bin.
Ich fühle mich rundherum wohl und bin von meiner Familie begeistert.
Und nun möchte ich euch einmal erzählen, was bisher alles passiert ist.
Am 12. August, einen Tag nach meinem 17. Geburtstag, war es endlich so weit. Alle S Stipendiaten des Vereins „Experiment“ trafen sich in Frankfurt am Flughafen. Wir hatten unsere offizielle Verabschiedung mit einem Bundestagsabgeordneten und Mitarbeitern von Experiment - und ich wurde immer aufgeregter: der erste Flug meines Lebens!
Dann ging es hinein in die Boing 747, auf nach Amerika, und bald konnten wir die Wolken von oben sehen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich meine Gastfamilie kennen lernen würde, die ich bisher nur von Photos, Briefen und E-Mails kannte.
Der Flug dauerte 7-8 Stunden lang, in denen ich genug Zeit hatte, mir mein unbekanntes Leben im kommenden Jahr auszumalen. Dann senkte sich das Flugzeug und der Flughafen kam in Sicht. Die Räder berührten die Bahn und wir waren in Washington angelangt! Nach unserer Zeit zu Hause in Deutschland etwa Mitternacht, hier aber erst 6 Uhr abends.
Wir mussten Sicherheitskontrollen und 4 anstrengende Stunden hinter uns bringen, nachdem wir endlich in unser Hotel „Hilton Hotel“ einchecken konnten. Ich war vom Luxus und Komfort überwältigt. Wir wurden herzlichst von CIEE – Mitgliedern und amerikanischen Jugendlichen, die 1 Jahr in Deutschland verbracht hatten, begrüßt und fielen danach todmüde in unsere Hotelbetten.
Zwei Tage verbrachten wir in Washington; machten eine interessante Sightseeingtour, stellten uns auf die neue Zeit ein, bereiteten uns noch einmal intensiv auf unsere Gastfamilien vor und bekamen schon einmal einen ersten Eindruck von dem amerikanischen Leben.
Nach diesen zwei ereignisreichen Tagen traten wir den zweiten Flug zu unseren Gastfamilien an. Ich flog zusammen mit vier anderen Jugendlichen, die ebenfalls in die Gegend um St. Louis kamen. Ich war so aufgeregt, dass ich kaum sprechen konnte! Zwei Stunden später sah ich zum ersten Mal meine Gastfamilie „live“; Todd, der Vater, Rebecca, die Mutter, und die 3 Töchter Robin, Heather und Kelly, die mich nicht herzlicher hätten begrüßen können.
Wir wohnen in einem schönen Haus mit großem Garten, das wir mit zwei Hunden und drei Katzen teilen. Ich habe ein gemütliches, typisch amerikanisch eingerichtetes Zimmerchen mit einem Bett in der Mitte des Zimmers, in dem ich mich richtig wohl fühle.
Heimweh habe ich kaum, natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde, aber hier ist es so aufregend und interessant, dass ich gar keine Zeit habe, Heimweh zu bekommen.
Ich hatte noch 2½ Wochen Ferien, dann erst fing auch die Schule an und das war gut so, denn in dieser Zeit konnte ich mich in aller Ruhe einleben, mit allem vertraut machen und meine Gastfamilie besser kennen lernen.
Ein typischer Tag sieht für mich so aus: Um 6:25 Uhr weckt mich meine Schwester . Eine halbe Stunde lang habe ich Zeit, mich fertig zu machen. Wir fahren knappe 10 min bis zur Schule (Mehlville Senior High), die um 7:20 Uhr beginnt. Jeden Tag hat man 4 Fächer, jedes Fach hat man 1 ½ Stunden lang. Die Tage sind in A und B days eingeteilt, der eine Tag A, der nächste B und immer so abwechselnd. Ich habe Englisch, Konzertchor, Mathematik, Physik, Kunst, ANP, Französisch, und amerikanische Geschichte.
Als einzige Pause hat man einen 20-minütigen „Lunch“. Um 14:05 Uhr ist der Unterricht beendet, danach fängt mein Sport an. Ich habe Crosscountry, eine Art Langlauf quer durch das Gelände, gewählt. Wir trainieren bis etwa fünf Uhr nachmittags.
Nachdem ich wieder zu Hause angekommen bin, essen wir, meine Familie und ich, zusammen zu Abend. Anschließend habe ich einiges mit Hausaufgaben zu tun und gehe gegen 11 Uhr ins Bett. Obwohl ich viel zu tun habe, fühle ich mich sehr wohl und bereue es keine Sekunde, hier zu sein. Das hat auch natürlich auch mit meiner Familie zu tun. Meine Schwestern sind mir so vertraut, als würde ich sie schon lange kennen und mit meinen Gasteltern kann ich mich sehr gut unterhalten. Sie helfen mir bei allem, wo ich Probleme habe.
Die amerikanischen Wahlen habe ich als beeindruckend erlebt. Über die Wahlen wurde sehr viel geredet. Bush und Kerry traten sehr oft gegeneinander an und machten sich gegenseitig schlecht. Überall versuchten dich irgendwelche Menschen zum Wählen zu animieren und machten Werbung für ihren Favoriten. Das Fernsehprogramm und Radiosendungen wurden unterbrochen, um über die Wahlen zu diskutieren und nichts zu verpassen. Sogar bis an die Türe wurde man mit Meinungen von Leuten, die dich überzeugen wollten, konfrontiert. Ein Unterschied zu Deutschland ist, dass auch Kinder und Jugendliche sich intensiv mit der Wahl beschäftigen, Pro und Contra in Streitgesprächen diskutieren. In meiner Schule bekam jeder Schüler eine Wahlkarte und einen Wahlbogen, um nahm sozusagen auf Schulebene an der Wahl teil. Wer am 2. November wählte, bekam einen positiven Vermerk.
Jeder hier präsentierte seine Meinung offen; in den Gärten standen Plakate mit dem Namen des Kandidaten, Anhänger und Buttons wurden an Mützen, Autos und Kleidung getragen.
Jetzt kann man natürlich sagen: „Nehme ich nur die einfachen Kurse und mache mir ein schönes Leben!“. Wenn man aber schwierige Kurse belegt, muss man sich sehr anstrengen und recht viel lernen. Ich mag das System sehr. Man kann vieles ausprobieren und eine gute Schulausbildung bekommen. Man muss Verantwortung für sich übernehmen und entscheiden, was einem mehr oder weniger wichtig ist. Meine Lieblingsfächer sind Kunst, Englisch und amerikanische Geschichte. Meine Schulkameraden sind sehr freundlich, aufgeschlossen und wissbegierig. Ich habe viel Spaß dabei, über Deutschland zu erzählen und zu diskutieren.
Die Fragen, die am meisten gestellt werden sind: „Is there really no speedlimit on the Autobahns?“ (besonders die Jugendlichen wollen das wissen) und: „What are the differences between America and Germany?“.
Aber es ist lebensgefährlich, hier mit dem Fahrrad zu fahren, denn es gibt keine Fahrradwege,
und die meisten Amerikaner besitzen überhaupt kein Fahrrad.
Sportteams und Clubs sind hier sehr beliebt und wichtig, und darüber bin ich glücklich. In der Herbstzeit laufe ich Crosscountry; ich freue mich, Gewinner von zwei Medaillen für meine Schule zu sein, im Winter werde ich im „Wrestling“ (eine Art Judosport) - Team sein und im letzten Term habe ich vor, Fußball zu spielen oder Track zu laufen. Außerdem bin ich im „Frenchclub“ und manchmal statte ich dem „Germanclub“ einen Besuch ab.
Anlässlich einer Projektarbeit habe ich für meine Klassenkameraden 30 Weckmänner gebacken und ihnen die Legende vom heiligen St. Martin erzählt. Anschließend bastelten wir Transparentbilder mit St. Martinsmotiven. Es hat allen sehr gut gefallen etwas über das Brauchtum aus dem Rheinland zu erfahren. Ich wiederum konnte einen tollen Schulball, Halloween und Thanksgiving in Philadelphia erleben.
Überall, wo ich mit meiner Gastfamilie oder auch alleine hinkomme, werde ich freundlich und hilfsbereit empfangen. Ich habe mich noch nie verloren oder alleingelassen und überfordert gefühlt. Dieses Jahr, fern von zu Hause und in eine fremde Familie auf einem anderen Kontinent hineingeplumst, hilft mir sehr, für Neues und Unbekanntes offen zu sein. Ich kann das Leben in Deutschland und das in Amerika auf positive Weise nebeneinander stellen. Ich lerne, Vorurteile zu erkennen, wobei ich manche bestätigen kann (z.B. häufiger Genuss von Fastfood, andere wiederum nicht (z.B. Amerikaner sind oberflächlich). Ich bin sehr froh, hier in Amerika bei meiner Gastfamilie zu sein.
Viele liebe Grüße, eine schöne Adventszeit und frohe Weihnachten!
Laura Sophie Kunz
Abschlussbericht
Zehn Monate ist es nun her, seit ich in die USA gekommen bin, und es ist wie ein zweites Zuhause für mich geworden. Ende Juni ist meine Zeit in St. Louis zu Ende. Ich werde meine Gastfamilie und Freunde sehr vermissen, denn sie sind ein wichtiger Teil meines Lebens geworden.
Mitte März wurde in meiner Schule eine „Global Week" vorbereitet. Schüler mit unterschiedlicher Herkunft kamen zusammen, um Präsentationen und Tänze vorzubereiten, um die eigene Kultur anderen Schülern zu zeigen und Wissen über typische Dinge zu teilen. Es war sehr interessant, wir haben in meiner Schule 26 unterschiedliche Länder vertreten. Wir hatten unglaublich viel Spaß irische, afrikanische, amerikanische, griechische und bosnische Tänze zu lernen, die Modenschau anzusehen und Selbstverteidigung aus den Philippinen zu lernen. Während der „Lunchzeit" wurde in der Cafeteria jeden Tag Musik aus einem anderen Land gespielt. Ich war froh, etwas über Deutschland erzählen zu können.
Meine Osterferien wurden ein unvergessliches Erlebnis: Meine Gastfamilie ist sehr lieb und wollte, dass ich so viel wie möglich von den USA sehen konnte. Wir machten eine Tour durch Arizona, sahen Las Vegas, verbrachten einige Tage am Grand Canyon, was unglaublich beeindruckend war und fuhren nach Sedona, wo meine Gastschwester Heather und ich die Roten Felsen bestiegen. Für drei Tage waren wir auf einer Ranch mit über einhundert Pferden. Es herrschten hochsommerliche Temperaturen, zehn Meter hohe Kakteen säumten die Straßen, und in den Dörfern wuchsen Palmen, Orangen- und Zitronenbäume. Wir sahen Klapperschlangen, und andere Wüstenbewohner, und ich verbrachte jeden Tag mindestens sechs Stunden im Sattel, um Westernreiten zu lernen und ein echtes Cowgirl zu werden.
Meine Meinung von den Vereinigten Staaten ist in diesen Tagen nur noch mehr gestiegen. Es war eine unglaubliche Erfahrung, diese Weite und Vielfalt des Landes kennen zu lernen.
Die Zeit verging wie im Fluge und ich erlebte sehr viel. Mit unserem Schulchor, mit dem ich sehr viel Spaß habe, fuhren wir für fünf Tage nach Chicago, um an einem Chorwettbewerb teilzunehmen. Wir sahen die „Bluemanshow", was unvergleichlich zu allem ist, was ich bisher gesehen habe. Wir besuchten dass Shedd-Aquarium am Ufer von Lake Michigan und aßen in einem mittelalterlich gestalteten Restaurant. Während man mit den Händen von Eisentellern und Schalen isst, findet ein Ritterturnier mit echten Pferden statt. Ich habe es sehr genossen, mir ist aber auch noch einmal klar geworden, wie kurz die Geschichte der USA doch ist. In Europa haben wir tatsächlich Ritterburgen, hier ist es ein Nachbau einer Epoche, die niemals stattfand.
In der Schule bin ich im Trackteam - das ist Leichtathletik. Sport ist ein wichtiger Bestandteil des amerikanischen Schullebens und ein ausgezeichneter Weg, andere Jugendliche kennen zu lernen und in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Ich war in Cross Country - das ist Fünfkilometerlauf auf Zeit gegen andere Schulen in unterschiedlichen Parks. Im Winter war ich im Wrestlingteam, ein Kampfsport - eigentlich für Jungen. So kam es, dass ich in meiner Schule mit einem anderen Mädchen das erste weibliche Mitglied des Teams war. Ich hatte eine tolle und erfahrungsreiche Zeit, und natürlich machte es mich in der ganzen Schule berühmt. In den Kämpfen war ich nicht sonderlich erfolgreich; die Jungen haben da doch einen gewissen Vorteil, aber ich hatte viel Spaß.
Dieses Wochenende hatten meine Schwester Robin und ich und alle Seniors von Mehlville Highschool Prom. Prom ist ein großes Ereignis und schon Wochen vorher das einzige Gesprächsthema. Prom ist vergleichbar mit unserem Abiturball, denn nach der zwölften Klasse gehen die amerikanischen Jugendlichen auf das College. Alle Mädchen überlegen, welches Kleid sie tragen werden, welche Schuhe, wie das Makeup und das Haar gestaltet wird und natürlich, wer das Promdate sein soll. Prom ist eine sehr kostspielige Angelegenheit. Die Jungen fangen früh an zu sparen, denn sie müssen „ihren Mädchen"' alles kaufen. Eine Eintrittskarte kostet 50 Dollar und es kommt so einiges zusammen: Photos werden gemacht und Hotelzimmer gemietet, wo man nach dem Tanz mit Freunden feiert und die Nacht verbringt. Jeder sieht sehr hübsch aus, es wird zusammen gegessen und ganz viel getanzt.
Im Mai hatten wir einen sehr schönen Muttertag, Ich stand ganz früh auf und machte Frühstück für meine Gastmutter. Sie hat sich sehr darüber gefreut. Es war ein warmer und sonniger Tag, 31 Grad Celsius warm, wir mähten den Rasen, genossen die Sonne und erledigten Hausaufgaben in unserem kleinen selbstgestalteten Gartenhaus Nachmittags gingen wir in den Botanischen Garten; meine Gastmutter hatte sich dies gewünscht, und ich konnte endlich all die Namen der Pflanzen und Bäume lernen.
Ich bin sehr glücklich über meine Gastfamilie, es hätte nicht besser sein können. Meine Schwestern Robin und Heather werden mich schon diesen Sommer für zwei Wochen besuchen kommen, worauf ich mich schon unglaublich freue.
Am 3. Juni war mein letzter Schultag, die amerikanischen Sommerferien sind sehr lang, und wir werden für eine Woche nach Emerald Isle, North Carolina an den Strand fahren. Am 22. Juni fliege ich nach Washington D.C., um die anderen Austauschschüler wieder zu treffen. Drei Tage später werde ich in Deutschland ankommen, worüber ich immer aufgeregter werde.
Dieses Jahr in den USA war eine ganz besondere Erfahrung und Bereicherung meines Lebens. Dank an all die Menschen, die mir geholfen und mich unterstützt haben - ganz besonders meine Gastfamilie, meine Familie in Deutschland, die Mitarbeiter von Experiment e. V., Herrn Uli Kelber und den Deutschen Bundestag.
Laura Kunz
© 2010 Ulrich Kelber, MdB