
Nun bin ich tatsächlich schon seit einem Monat hier in Versailles in Kentucky.
Die Zeit ist unglaublich schnell vergangen seit meiner Ankunft, da fast jeder Tag etwas Neues und Unbekanntes für mich bereithält.
Am ersten Tag mit meiner Gastfamilie spielte ich das erste Mal in meinem Leben Baseball. Obwohl ich die Regeln überhaupt nicht verstand und meine arme Familie fast nur damit beschäftigt war, mir Anweisungen zuzurufen, machte es mir unglaublich viel Spaß.
Am nächsten Tag, einem Sonntag, ging ich das erste Mal in eine amerikanische Kirche. Ich hatte riesiges Glück, denn ausgerechnet an dem Tag wurde eine Taufe zelebriert und ich durfte erleben, wie das in Amerika so aussieht. Ich fand es schön, dass die ganze Gemeinde richtig an der Taufe teilgenommen hat und war erleichtert, dass ich ohne Probleme der Liturgie folgen konnte.
Meine Gemeinde ist ein bisschen wie eine große Familie – es gibt auch sehr viele Kinder - und man fühlt sich direkt zuhause. Es ist hier ganz normal, dass man sich umfassend in der Gemeinde engagiert, dementsprechend habe ich mich auch gleich wild in allen möglichen Gruppen angemeldet ( Youth Group, Youth Praise Team, Folk Group und Greeting Service), nur Messdiener bin ich nicht – ich wollte gerne etwas anderes machen als zu hause in Bonn.
Dem oft für die Kirche reserviertem Sonntag folgte natürlich ein Montag und damit mein erster Schultag in meiner High School. Ich war ausgesprochen aufgeregt und zugegebenermaßen ein wenig ängstlich, als ich morgens mit meiner Gastmutter meine neue Schule betrat.
Würde es sehr schwierig werden, dem Unterricht zu folgen?
Würde ich die Fächer wählen dürfen, die ich mir ausgesucht hatte?
Würden meine Mitschüler auf mich zugehen?
Und welche Clubs und Sport-Teams kämen für mich in Frage?
Als wir dann ins Sekretariat kamen, wo alles geregelt werden sollte, hatte ich plötzlich gar keine Lust mehr, mein Englisch auszuprobieren, obwohl ich mich vorher immer so darauf gefreut hatte. Und obgleich mein Guidance Counselor, der das Jahr über so etwas wie mein Betreuer in schulischen Dingen ist, sehr nett und hilfsbereit war, konnte ich peinlicherweise keinen anständigen Satz herausbringen. Ich stotterte herum und wäre meine Mutter nicht da gewesen, um mir zu helfen, hätte ich wahrscheinlich gar nichts gesagt.
Nach einem kurzen Beratungsgespräch war dann auch schon mein Stundenplan fertig:
1.Global Issues
2. World History
3. Spanish 1
4.Law &Justice
Dem Unterricht konnte ich glücklicherweise schon am dritten Tag fast problemlos folgen. Nur in Law &Justice ging es etwas langsamer, weil mir die ganzen Fachtermina Schwierigkeiten bereiteten.
Insgesamt habe ich dieses Semester wohl auch eher einfache Kurse erwischt. Ich habe mir schon überlegt, im nächsten Semester statt English 3 und American History beides als AP – Kurse (College-Vorbereitung) zu belegen. Außerdem werde ich Spanish 2 und Mathematics Calculus wählen, womit dann vermutlich tägliche Hausaufgaben von mindestens zwei Stunden sicher wären…
Der neue Schultag mit nur je vier Stunden, die dafür aber 90Minuten dauern, war zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, weil man sich so lange auf ein Fach konzentrieren muss, auf der anderen Seite gibt es aber auch ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten für eine einzelne Stunde. Mir ist generell aufgefallen, dass hier in der Schule freier und kreativer gearbeitet wird und e seine Menge Varianten gibt, wie ein Thema bearbeitet wird. Dass dabei dann manchmal “Law &Order” – Schauen rauskommt, ohne dass danach in irgendeiner Weise darüber gesprochen wird, erscheint mir zwar nicht gerade sinnvoll, aber Fernsehen als Unterricht bedeutet immer Hausaufgabenfrei!
Besonders schön finde ich, wie freundlich und hilfsbereit die Lehrer hier sind. Sie sind auch deutlich jünger und man kann sie fast wie Mitschüler behandeln (vielleicht mit etwas mehr Respekt).
Mittlerweile fühle ich mich in der Schule auch unter den Mitschülern wohl. Am Anfang kam ich mir teilweise sehr verloren und einsam vor, obwohl es viele freundliche Leute gab, die mich grüssten und schon mal ein paar Worte mit mir wechselten.
Bei meinen ersten Konversationen mit Mitschülern ist mir oft der Fehler unterlaufen, dass ich auf irgendwelche Fragen meines Gegenübers in – wie ich fand - angebrachter Länge antworten wollte, sich dieser aber schon lange wieder von mir abgewandt hatte. Peinlich berührt und etwas verdutzt habe ich mir gesagt, es nicht persönlich zu nehmen (was glaube ich auch richtig war) und mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt.
Insgesamt sind die meisten meiner Mitschüler sehr freundlich und geben sich teilweise große Mühe mich einzubinden, aber das reicht natürlich nicht gleich, um richtig dazuzugehören. Plötzlich ohne irgendeine vertraute Person ganz alleine in einem fremden Land zu sein, schüchtert mich schon mächtig ein.
Was mich sehr verwundert, ist, wie schwer es ist, mit Anderen Konversation zu machen. Ganz oft ist es mir passiert, dass ich auf meine Fragen nur ein mehr oder minder freundliches ’Yes’ oder ‘No’ bekommen habe und weder irgendwelche Erläuterungen kamen, noch ein Gegenfrage. Es macht dann fast den Eindruck als wäre meinem Gegenüber ein sich schweigend Gegenübersitzen lieber als jegliche Form der Unterhaltung. Das beobachte ich übrigens nicht nur im Umgang mit mir, sondern auch unter Freunden, die sich schon lange kennen: Wenn sich zwei zum Lunch verabreden, würde ich eigentlich erwarten, dass sie dann auch miteinander reden oder herumalbern. Stattdessen sitzen sie nebeneinander und schweigen sich an – für mich eine etwas befremdliche Situation.
Am nettesten ist es auf alle Fälle in den Sportteams. Seit kurzem bin ich im Volleyballteam und dort ist es viel leichter dazu zu gehören. Man hat sofort etwas, das einen mit den anderen Mädchen verbindet. Wenn man gemeinsam zu Auswärtsspielen fährt, ist die Stimmung immer gut und wer nicht spielt, der feuert die Mannschaft mit Sprechchören, Pfiffen und Geschrei an.
Am Tag des Spiels müssen sich alle Spieler chic anziehen und jeden morgen werden die Erfolge der einzelnen Teams per Lautsprecher vom Direktor verkündet.
Jeder, der hier irgendeinen Sport macht, ist mit großem Engagement dabei, das Training ist hart und folglich sind auch die Spieler fast alle sehr leistungsstark.
Ich finde es toll, wie sich alle um Erfolg bemühen, war aber zuerst ein wenig überrascht vom Druck, den die Trainer hier vermitteln. Wenn man sie vor einem Spiel hört, wie sie ihr Team “ermutigen”, könnte man meinen, es ginge um das Leben jedes einzelnen in der Halle…
In meiner Gastfamilie fühle ich mich sehr wohl und trotz der kurzen Zeit, die ich erst hier verbracht habe, fast schon zu hause. Ich habe zwei jüngere Gastgeschwister, Josh (13) und Sarah (11), die beide etwas laut, aber sehr lieb sind. Ich teile mir ein Zimmer mit Sarah, was sehr gut klappt. Dank meiner kleinen Schwester habe ich hier auch seit einigen Jahren das erste Mal wieder Mutter, Vater, Kind gespielt. Ich fürchte aber, ich bin darin richtig schlecht geworden, jedenfalls hatte Sarah schon nach fünf Minuten keine Lust mehr…
Stattdessen spielen beide am liebsten “Wrestling” mit mir, was soviel ist wie Herumschubsen und ein bisschen Kräftemessen, mir aber ehrlich gesagt auch ziemlich viel Spaß macht (zumal ich immer gewinne…).
Wir wohnen sehr ländlich, fast schon im Wald, und sind umgeben von Pferdekoppeln. Wenn ich morgens aufwache, sind schon mal Rehe vor dem Fenster und ich habe bereits mehrere Waschbären, Kolibris, Streifenhörnchen, Hasen, ein Stinktier und einen Dachs gesehen. Wenn man Auto fährt riecht es auch regelmäßig nach Stinktieren, mir ist aber zum Glück noch keines begegnet.
Nicht weit von unserem Haus gibt es eine große Pferderennbahn, die ich mit meiner Gastfamilie besuchen werde, sobald die Saison eröffnet ist. Dann kann man Wetten abschließen und hat eine gute Möglichkeit ein bisschen Geld zu verlieren.
Wir waren schon alle gemeinsam im Kentucky Horse Park, wo wir Springturniere und Pferdeshows angesehen haben, haben das letzte Spiel unserer heimischen Baseballmannschaft besucht, waren im Kino und haben noch andere schöne Sachen unternommen. Das Baseballspiel hat es mir aber glaube ich besonders angetan. Ich habe nämlich endlich die Regeln verstanden und war total hingerissen von der Stimmung im Stadion. Die “Lexington Legends”, unser Team, sind unglaublich schlecht und haben leider auch verloren ( was aber vermutlich eh jeder nicht anders erwartet hatte), aber trotzdem fühlte man sich mit der dauernd jubelnden Zuschauermenge wie bei einem Profi-Spiel und wurde richtig mit hineingezogen. Ich habe dann auch kräftig mit geschrien und ein wenig bedauert, dass es das Endspiel der Saison war…
Bericht vom 22. Oktober 2006
Wenn man in Kentucky lebt, wird man auf kurz oder lang einfach Pferdefan. Nicht nur, dass die grünen Koppeln ein sehr schoenes Landschaftsbild vermitteln und man sich in angenehmer Weise fern von allem Lärm des Stadtlebens und dem Gestank der Autos fühlt (hier erledigen das leider die zahlreichen Stinktiere), die Pferdeindustrie bietet auch ansonsten eine Menge Vorteile.
So zum Beispiel das Glücksspiel.
Vorgestern war ich mit meiner Gastfamilie in Keeneland, unserer Pferderennbahn, die eine riesige Anlage mit sechs verschiedenen Restaurants, Clubräumen und “Fressbuden” für den Normalbuerger ist. Für ein paar Wochen im Oktober und April finden hier taeglich um die zehn Rennen statt, die Scharen von Besuchern anlocken.
Die Rennen sind aber, wie ich glaube, nur ein geschickter Vorwand, um Kenneland zu besuchen. Die eigentliche Attraktion des Ausflugs ist es, auf sicherem Wege so viel Geld verlieren zu koennen, wie man möchte. Dazu muss man wetten.
Wenn man , wie ich, keinen blassen Schimmer von Pferden, und schon gar nicht von Rennpferden hat, tut man einfach trotzdem so, als wäre man der große Pferdekenner. Man schaut sich die Pferde an, wenn sie vor dem Rennen präsentiert werden, betrachtet fachmännisch Koerperbau und Gangstil, um danach todsicher auf den Verlierer zu wetten.
Wobei ich für meine ersten sechs Versuche mit drei Gewinnen ausserordentlich gut dabei war.
Man hat verschiedene Moeglichkeiten, wie man wetten möchte. Wettet man “win” auf ein Pferd, gewinnt man nur, wenn dieses tatsaechlich als erstes ins Ziel kommt – dementsprechend gross ist aber auch der Gewinn. Wettet man “place”, gewinnt man sowohl, wenn das Pferd gewinnt, als auch wenn es den zweiten Platz erreicht. Wettet man “show”, was heisst, dass das Pferd als drittes ins Ziel kommt (mein Favorit, weil es die besten Gewinnchancen gibt), kann man etwas herausbekommen, wenn das Pferd erster, zweiter, oder dritter wird.
Fuer alle richtigen Profis gibt es sogar noch die Möglichkeit, auf die Reihenfolge der ins Ziel laufenden Pferde zu wetten. Dabei kann es dann passieren, dass man ploetzlich 20.000$ reicher ist. Oder 2$ aermer.
Insgesamt habe ich trotz meiner drei Gewinne 80 Cent verloren, der erhoffte Geldsegen blieb also aus. Aber fuer einen Nachmittag voller Aufregung und Spaß ist das eigentlich nicht gerade viel. Es ist nur schade, dass ich auf das nächste Mal Keeneland bis April warten muss…
“My old Kentucky home”
Seit ein paar Wochen wird es hier waermer, das graugelbe Grass nimmt wieder Farbe an und in unserer Einfahrt bluehen Osterglocken. Es sieht beinahe wieder so aus wie “My old Kentucky home” wohl auszusehen hat. Fruehling in Kentucky erscheint mir noch schoener als Fruehling in Bonn, weil hier im Winter kaum Schnee faellt, es aber sehr kalt wird und die Natur rundherum meist matschbraun aussieht. Umso freudiger werden die ersten Sonnenstrahlen des Jahres begruesst, die Felder und Koppeln wieder gruenen lassen und in meinem Falle alle Entschuldigungen entkraeften, weshalb ich nicht mal ein wenig Laufen gehen kann. Seit einer Woche bin ich naemlich Mitglied des Leichtathletik-Teams meiner High School und muss mich nun langsam wieder an Bewegung ausserhalb von Treppensteigen gewoehnen. Zwar bin ich nach Ende der Volleyballsaison im Herbst in den Wintermonaten fuer meine Schule geschwommen, aber da anschliessend 2 Monate folgten, in denen ich mich (fast) nie ohne Auto bewegte, bin ich etwas aus der Uebung gekommen.
Wenn auch die letzten Monate nicht von besonderem sportlichem Engagement gepraegt waren, so hiess das nicht, dass mir oft langweilig war. An unserer Schule gab es naemlich eine Auffuehrung des Musicals “The Music Man”, fuer die ich gemeinsam mit ungefaehr 30 Mitschuelern seit Ende Januar geprobt habe. Nach allem, was ich bisher erlebt habe, kann ich mit Sicherheit sagen, dass meine Teilnahme an der Produktion das schoenste in den vergangenen 7 Monaten war. Neben der Tatsache, dass es an meiner Schule erstaunlich gute Saenger und Schauspieler gibt, war die Atmosphaere in der Gruppe der Mitwirkenden ungemein freundlich und nett. Man versuchte, jeden einzubinden und insbesondere in der letzten Woche vor den Auffuehrungen hoerte man von allen Seiten Ermutigungen und Komplimente. Das Musical war auch ein richtiger Erfolg, es kamen so viele Leute, dass wir keinen Verlust gemacht haben und jeden Abend war die Aula besser besetzt als am Tag zuvor. Ich war beeindruckt, wie “professionell” das Ganze ablief und wieviel Arbeit Lehrer, Eltern und Schueler investierten. Fuer jeden wurden 1-2 Kostueme geliehen, wir hatten ein liebevoll gestaltetes, sehr realistisches Buehnenbild und nicht zuletzt verblueffte mich, dass ein 2 ½ Stunden langes Musical in nur 10 Wochen buehnenreif gemacht wurde. Dementsprechend lang waren allerdings auch die Proben und in der letzten Woche vor der Premiere kam ich nie vor 11 Uhr abends nach hause, obwohl ich keine allzu grosse Rolle hatte.
In dieser Zeit wurde es dann auch mit den Hausaufgaben etwas knapp. Meine Kurse in diesem Semster sind Sapnish III, Advanced English III, AP-US History (AP steht fuer “Advanced Placement”,d.h. es ist ein Kurs auf Collegelevel) und Math Pre-calculus. In Spanish lerne ich leider nichts, es gibt aber auch keine Hausaufgaben; dafuer sind die uebrigen Faecher recht arbeitsintensiv.
Englisch und amerikanische Geschichte machen mir sehr viel Spass. Wenn wir in Geschichte ueber die Entstehung der Unabhaengigkeitserklaerung lernen, arbeiten wir mit dem Dokument auch in meiner Englischklasse. Insgesamt kann ich aus beiden Klassen genau das mitnehmen, was ich mir gewuenscht hatte: ein (Grund)verstaendins amerikanischer Geschichte und Literatur und einen Einblick in die Sichtweise mancher Amerikaner auf ihre eigene Geschichte. Jedoch muss ich dazusagen, dass ich nicht sicher bin, wie repraesentativ meine Lehrer hier sind, die bei fast jeder Gelegenheit durchaus harsche Kritik am eigenen Land ueben und sich mitunter schonmal kraeftig disziplinieren muessen, was ihre Aussagen angeht. Meine Erfahrung in diesen beiden Klassen spiegelt auch wieder, was mir ansonsten im Alltag aufgefallen ist: dass “die Amerikaner” lange nicht alle hinter dem (jetzigen) Praesidenten und dessen Politik stehen und dass beispielsweise das obligatorische Bekenntnis zur amerikanischen Flagge und ihrem Heimatland morgens in der Schule von ca. 98 Prozent meiner Mitschueler nur belacht wird. Ich hatte in etwa das Gegenteil erwartet, bin also dem Leitsatzt Experiment e.V.s “Expect the Unexpected” nicht gerade gut gefolgt…
Ich freue mich aber, allgemein wohlbekannte Vorurteile auf der Basis meiner Erfahrungen widerlegen zu koennen. So auch die weitverbreitete Annahme, in amerikanischen Schulen lerne man im Vergleich zu deutschen nichts, oder dass alle Amerikaner uninformiert und dumm sind. Ich habe hier bereits einige Mitschueler getroffen, die jedem, der ihnen eine Chance gibt, das Gegenteil beweisen koennen. Da gibt es Leute, die mir Fragen ueber Deutschland stellen, zu deren Beantwortung mir schlicht das Hintergrundwissen fehlt. Dann bin ich immer peinlich beruehrt, habe aber das gute Gefuehl, ein Stueck meiner europaeischen Ueberlegenheits- attitude abgelegt zu haben (mein Spanischlehrer hat einmal gesagt, Europaeer saehen Amerikaner als ihre dummen Cousins).
Diese Art von Interesse und Wissen mag vielleicht nicht die Norm sein. Aber ich bezweifle auch, dass man in Deutschland besonders viele 17-jaehrige findet, die sich ausserhalb Deutschlands wirklich ein wenig auskennen. In dieser Hinsicht ist so etwas auch ein Ansporn fuer einen selbst, sich einmal Gedanken zu machen, was man eigentlich ueber andere Laender und Kulturen weiss… ein bisschen enttaeuschend.
Naechste Woche fangen hier die Fruehlingsferien an und ich kann es gar nicht erwarten, mit meiner Gastfamilie fuer eine Woche nach Florida zu fliegen. Sonne ohne Ende und jede Menge abgedrehte Leute, wie mich mein Gastvater als relativ streng-konservativer warnte J. Wir werden dort in der Naehe von Orlando wohnen, vielleicht einmal zum Strand fahren und vor allem Disney World besuchen. Bis dahin muss ich dann mal fleissig Disneyfilme gucken, um auf dem Laufenden zu sein, wenn die Autogrammstunde von Mickey und Co. eroeffnet wird.
Vor vier Wochen war die fuer mich erste und leider auch letzte High School Prom. Im Vorhinein hatte ich natuerlich ueberlegt, ob die vielen amerikanischen Teeniefilme, die im deutschen Fernsehen gezeigt werden, in diesem Punkt vielleicht akkurat sein koennten. Und nun hatte ich die einzigartige Chance, dies herauszufinden.
Um 3 Uhr Nachmittags hatte ich meinen Friseurtermin. Beim Friseur traf ich gleich auf ungefaehr 6 andere Maedchen, die aber nicht, wie ich, fuer die Sparversion (Haare stecken lassen) angemeldet waren, sondern eine Rundumverschoenerung bestellt hatten: Haare, Make-up, Mani- und Pedikuere. Der normalerweise bescheiden besuchte Salon war nun gefuellt mit aufgeregten Kunden und herumwuselnden Make-up und Haarspezialisten. Einige meiner Mitschuelerinnen hatten Bilder von ehemaligen Schuelern mitgebracht, um zu zeigen, wie sie gerne ihre Haare gesteckt haetten, andere, so wie ich, baten nur etwas hilflos darum, dass einfach etwas huebsches damit gemacht werde. Da es so simpel fuer mich war, stand ich dann auch schon um viertel vor 4 wieder auf der Strasse, vorsichtig mein Haar betastend, das sich irgendwie in Plastik verwandelt zu haben schien. Es gefiel mir aber dennoch gut und so machte ich mich auf den Weg nach hause. Dort angekommen stopfte ich so schnell wie es ging Haarbuerste, Schmuck und Make-up-utensilien in eine Tasche, schnappte Schuhe und mein Kleid und machte mich auf den Weg zum Haus meiner Freundin. Ueblicherweise geht man vor der Prom in ein relativ nobles Restaurant, aber mit der Gruppe von Freundinnen, mit der ich zur Prom ging, hatten wir beschlossen, darauf zu verzichten und stattdessen bei einem der Maedchen zu hause zu essen.
Um halb 5 war ich dann recht abgehetzt endlich beim Haus meiner Freundin, und ?Ueberraschung - natuerlich die erste dort. Allerdings merkte ich im Laufe des Abends, dass wir die Zeit zum Fertigmachen durchaus knapp bemessen hatten. Ich weiss, dass es sich nicht gerade danach anhoert, wenn man bedenkt, dass der Ball erst um 9 Uhr begann und die Tueren nicht bis 10 Uhr geshlossen wurden, aber als schliesslich alle angekommen waren, stellten wir fest, dass nur zwei von uns sechsen, eine davon ich, vorher beim Frisuer gewesen waren. Also verbrachten wir sicherlich zwei Stunden damit, den uebrigen je nach Wunsch entweder Locken ins Haar zu drehen oder aber die ganze Pracht zu glaetten. Ob es laenger dauerte, eine Entscheidung fuer eine der beiden Moeglichkeiten zu faellen oder dementsprechend zu stylen, kann ich im Nachhinein nicht sagen, wohl aber, dass ich unter permanenten Angstzustaenden litt, wir koennten nicht mehr eingelassen werden. Als naechstes war dann Schminken angesagt, was etwa schneller gehen musste und schliesslich blieb nur noch uebrig, das eigene Kleid und zwei zueinanderpassende Schuhe zu finden, dann durften wir essen. Dachte ich. Denn ich hatte erstens schon vergessen, dass wir noch fotografiert werden mussten und zweitens, wieviele Moeglichkeiten es gibt, Fotos von uns sechsen in immer neuen Zusammenstellungen zu machen. Einzelportraets und Fotos zu zweit, auf der Treppe, vor dem Kamin und schliesslich im Garten, es hoerte und hoerte nicht auf, so schien es mir. Zu allem Unglueck kamen dann auch noch Nachbarn, Freunde, eine Grundschullehrerin meiner Freundin und zwei Tanten mit jeweils einer Tochter, um uns zu bestaunen und, wer haette es gedacht, Fotos von und zu machen. Die Tante wollte uns noch einmal auf der Treppe aufgereiht sehen, der Nachbar ein Foto vor der Haustuer machen, die Kusinen? es hoerte und hoerte nicht auf.
Und schliesslich, endlich, durften wir essen. Die ganze Zeit waren wir ziemlich laut und aufgeregt und ich nehme an, dass der Zeitdruck das Ganze auch nur noch aufregender machte, zusammen mit dem Gedanken an die Erzaehlungen anderer von der letzten Prom.
Dann quetschten wir uns alle zusammen in den Mini Van der Mutter meiner Freundin und fuhren zur Schule. Natuerlich waren wir nicht die letzten, obwohl wir tatsaechlich nach 10 Uhr dort ankamen, und Probleme beim Einlass gab es auch nicht. Dort, wo man aus dem Auto, oder in gegebenem Fall auch aus der gemieteten Limousine stieg, lag ein roter Teppich, an dem links und rechts Eltern, Geschwister, Grosseltern und Freunde Spalier standen, zum Einen, um einen Blick auf die Ankoemmlinge zu erhaschen, vor allem aber, um ein Foto von Freund oder Verwandtem knipsen zu koennen. Es war ein regelrechtes Blitzlichtgewitter, was da auf jeden herniederging. Man schritt sogar unter einem Baldachin aus Satin zum Eingang und die Waende und Decke waren sehr schoen mit Ballons, Tuell und farbigem Papier geschmueckt. Besonders beeindruckend war aber die Turnhalle selbst. Tatsaechlich erinnerte nichts mehr daran, dass es sich ueberhaupt um eine Schulturnhalle handelte, in der getanzt wurde, vielmehr sah sie aus wie ein wunderschoener, grosser Ballsaal. Alles, einschliesslich des Bodens war Schwarz abgedeckt, die Decke ueber und ueber mit winzigen Lichtern behangen, die unter schwarzem Tuell wirklich einem Sternenhimmel glichen, es gab runde Tische an beiden Seiten der Tanzflaeche und Schaufenster mit edlen Designerstuecken waren an den waenden angebracht. Die Tischdekoration war schwarz, weiss und rot, die Themenfarben des Abends. Auf jedem Tisch lagen zwei oder drei Faecher, was ich sehr umsichtg fand, da schon 10 Minuten nach unserer Ankunft die Klimaanlage zusammen brach und sich auch bis zum Ende des Balls nicht dazu durchringen konnte, wieder anzulaufen.
Erst einmal wollten wir natuerlich alles anschauen, einschliesslich des Innenhofs und der Toilettenraeume, da beim Schmuecken wirklich nichts ausgelassen worden war. Der Hof war neu bepflanzt worden und alle Baeume mit Lichterketten behangen, Baenke waren aufgestellt und es gab ein kleines Buffet mit Getraenke und Haeppchen ? all you can eat!
Nachdem wir alles angemessen bestaunt hatten, entschlossen wir uns schliesslich, zu tanzen, auch wenn die Tanzflaeche noch nicht besonders voll war. Gegen Mitternacht gab es dann das warscheinlich groesste Ereignis des Abends: die Kroenung des Promkings und der Promqueen. Dafuer mussten alle Kandidaten der Abschlussklasse nach vorne treten und ein Junge und ein Maedchen, die die meisten Stimmen der Stufenkameraden bekommen hatten, wurden mit Krone und Zepter ausgestattet und begannen zu tanzen, woraufhin nach und nach auch alle anderen das Tanzen wieder aufnahmen.
Bis auf diese kleine Unterbrechung und einen Tanzkontest fuer die Jungen etwas frueher im Programm unterschied sich die Prom meiner Meinung nach aber nicht besonders von anderen Schulbaellen, die meine High School waehrend des Jahres veranstaltete. Spass hatte ich auf jeden Fall, aber ein wenig enttaeuscht war ich schon, da ich wegen Erzaehlungen anderer vom letzten Jahr vermutlich unrealistisch hohe Erwartungen gehabt hatte. Die Vorbereitungen auf die Prom und dass wir danach alle zusammen bei meiner Freundin uebernachteten, hat mir eigentlich am besten gefallen.
Nun rueckt der Tag meines Abflugs schon naeher und naeher und ich weiss nicht so recht, wie ich das finde. Auf der einen Seite kann ich es nicht mehr abwarten, meine Familie und Freunde zuhause wiederzusehen, aber auf der anderen Seite weiss ich, dass ich hoechstwarscheinlich die Mehrzahl derer, die ich hier kennengelernt habe, nicht mehr, oder zumindest nicht mehr so bald werde wiedersehen koennen. Einige meiner Freunde in der Schule sind Seniors, die im kommenden Schulahr bereits zur Universitaet gehen werden, haeufig auch ausserhalb Kentuckys, und bei denen es daher wohl recht schwierig werden duerfte, sie wiederzusehen, selbst wenn ich schon gleich im naechsten Jahr wieder zu Besuch kommen sollte. Dafuer ueberlegt meine Gastfamilie aber, ob sie mich vielleicht schon in den naechsten Osterferien besuchen kommen koennen, was ich natuerlich toll finde. Auch wenn ich momentan vorallem Vorfreude auf alles Vertraute in Bonn empfinde, bin ich sicher, dass ich Kentucky und all diejenigen, mit denen ich mich in diesem Jahr habe anfreudnen koennen, schon sehr bald vermissen werde.
Wenn ich jetzt an das denke, was hinter mir liegt, dann kommen mir nicht nur tolle Ausfluege und andauernde Hoch-Zeiten in den Sinn, sondern auch eine schwierige Eingewoehunungszeit, Probleme, neue Freunde zu finden und zwischendurch schonmal die Zweifel, ob es wirklich richtig war, dass ich mich fuer dieses Auslandsjahr entschieden habe. Aber im Grossen und Ganzen bin ich froh, dass ich die Chance hatte, solch einzigartige Erfahrungen zu sammeln, die in dieser Weise in Deutschland, in vertrauter Umgebung, niemals moeglich gewesen waeren. Ich habe mich selbst besser kennengelernt und weiss nun, dass Familie und gute Freunde fuer mich noch wichtiger sind als ich gedacht habe. Ich habe gemerkt, wieviel Kraft und Unterstuetzung ich von all den Menschen um mich herum und der Vertrautheit mit diesen erhalte und wie es ist, ohne all das ploetzlich ganz neu anzufangen. Ich hatte die Moeglichkeit, neue Hobbies auszuprobieren und einen intimen Einblick in eine Kultur zu haben, die auf den ersten Blick der unseren so aehnlich ist und erst bei naeherem Hinsehen teils grosse Unterschiede aufweist. Ich hoffe, dass ich, wenn ich nach Deutschland zurueckkomme, ein Stueck der amerikanischen Gastfreunschaft und Freundlichkeit mitbringen kann, sowie ein anderes Verstaendis der Geschichte des Landes und den damit verbundenen kulturellen Unterschieden. Meine Erfahrungen in Amerika haben mich sehr empfindlich fuer schnelles Urteil und Disrespekt gegenueber anderen gemacht und ich wuensche mir, dass es sich bei alledem nicht um temporaere, sondern um bleibende Veraenderungen meiner selbst handelt.
Ich moechte auch die Gelegenheit nutzen, um mich ganz herzlich bei Uli Kelber zu bedanken, durch den mir dieses Jahr ermoeglicht wurde und hoffe, dass das Programm auch weiterhin als unterstuetzenswert angesehen wird. Ich kann nur ermutigen, ein High School Jahr in den USA oder anderen Laendern in Betracht zu ziehen, da es eine Chance ist, die einem nur einmal im Leben gegeben wird. Selbst wenn man spaeter, vielleicht waehrend des Studiums, fuer eine laengere Zeit ins Ausland geht ? man hat nie wieder die Gelegenheit, Teil einer Gastfamilie zu werden und so einen ganz entscheidenden Part der Landeskultur hautnah zu erleben. Ich wuensche allen zukuenftigen Austauschschuelern viel Glueck und hoffe, dass sie nachvollziehen koennen, was ich erlabt habe und ebensoviel davon mitnehmen werden.
© 2010 Ulrich Kelber, MdB