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Artikel in der Bonner Umweltzeitung vom Januar 2003

Bonner Umweltzeitung

Kohle und Sonne: Als Team erfolgreich
Von Ulrich Kelber, MdB

Deutschland sollte seine Energiepolitik neu justieren: Neben den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und der Erhöhung der Energieeffizienz aus ökologischen Gründen, die Rot-Grün bereits begonnen hat, muss aus geostrategischen und ökonomischen Gründen eine Reduzierung der Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas treten, statt wie bisher die heimische Energiequelle Kohle zu verdrängen.

In einem sind sich Umweltschützer, Wirtschaftsverbände und auch die Atomlobby meist sehr schnell einig: Der Anteil der Kohle an der Energieerzeugung in Deutschland soll zurückgehen.

Als Argument wird die im Vergleich zu anderen fossilen Energieträgern höhere Kohlendioxyd-Emission bei der Verbrennung genannt. Selbst Umweltschützer, die in der Erhöhung der Energieeffizienz und im Ausbau der erneuerbaren Energien zu Recht die Zukunft sehen, wollen aus Gründen des Klimaschutzes für die Übergangszeit bis zu einer rein solaren Energiewirtschaft Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke ersetzen. Diese Strategie der Kohleverdrängung durch Erdgas ist ökologisch fragwürdig und geostrategisch sowie ökonomisch hoch gefährlich.

Abhängigkeit von Öl und Gas ist teuer

Langsame Verteuerung der Energiepreise durch eine ökologische Steuerreform ist volkswirtschaftlich sinnvoll, weil sie Innovation zu berechenbaren Preisen beschleunigt.

Keine Volkswirtschaft kann aber sprunghafte Preissteigerungen bei den Energiepreisen verkraften, ohne dass dadurch massive Wachtsumseinbürche und eine stiegende Arbeitslosigkeit resultieren. Diese Erkenntnis hat Deutschland seit den siebziger Jahren mehrfach machen müssen. Deswegen ist die hohe Abhängigkeit Deutschland von den Import-Energieträgern Erdöl und Erdgas ökonomisch besorgniserregend.

Kriege in Nah-Ost oder ein Terrorakt wie das Versenken eines Tankers in der Straße von Hormuz hätten wegen der gestörten Ölversorgung kurzfristig enorme Preissteigerungen bei Erdöl und damit auch bei Erdgas zur Folge. Der Preis für diese fossilen Energieträger könnte schnell weit über das heutige Niveau steigen.

Langfristig sind die Aussichten für die Preise von Erdöl und Erdgas noch trüber. In wenigen Jahren ist die maximale Fördermenge fast aller großen Erdöl- und Erdgasquellen erreicht, während die weltweite Nachfrage nach allen Prognosen weiter zunehmen wird. Schon in zehn Jahren sind deswegen durchaus Ölpreise von einhundert Dollar pro Barrel denkbar.

Während Öl- und Gasvorräte sich auf wenige, häufig politisch instabile Regionen konzentrieren, ist Kohle aus vielen Weltregionen zu beziehen und auch ein heimischer Energieträger, der starke Preissprünge verhindert. Deutschland muss sich als unabhängiger von Erdgas und Erdöl machen, um seine Volkswirtschaft unanfälliger für Friktionen zu machen.

Gefahr eines Neokolionalismus

Die Diskussion rund um die Irak-Krise zeigt die zunehmende Bereitschaft von Teilen des Westens, den freien Marktzugang zu den Ölreserven auch mit militärischen Mitteln zu sichern. Nicht nur die hohen Kosten machen diese Politik fraglich, sondern auch „demokratiehygienische“ Fragestellungen.

Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hat gezeigt, dass demokratische Staatsform und gleichzeitiger Kolonialbesitz nicht langfristig miteinander zu vereinbaren waren. Ähnlich wird dies mit der militärischen Sicherung des Zugangs zu den Ölreserven sein. Wie lange könnte der Westen eine neokolonialistische Politik im nahen Osten durchhalten, ohne dass es zu dramatischen Brüchen in der eigenen Gesellschaft käme?

clean coal kann solare Lücke decken

Um es ganz klar zu machen: Der Schwerpunkt der Energiepolitik muss darin liegen, noch deutlich vor Ende dieses Jahrhunderts den völligen Umstieg auf erneuerbare Energieträger geschafft zu haben. Dies ist ökonomisch nicht nur machbar, sondern sogar sinnvoll, weil Deutschland damit Weltmarktführer für neue Technologien würde. Notwendig dafür ist eine Beibehaltung der Wachtsumsraten der letzten Jahre beim Ausbau der erneuerbaren Energien und eine weitere Steigerung des Zuwachses der Energieproduktivität.

Im Strom- und Fernwärmebereich sollte Kohle die Kapazitäten liefern, die die erneuerbaren Energien zu Beginn noch nicht abdecken können. Über viele Jahre werden dabei sowohl die Anteile der erneuerbaren Energien als auch der Kohle am Energiemix wachsen, während die Atomkraftwerke schrittweise abgeschaltet werden und Gas- sowie Ölkraftwerke nicht erneuert werden sollten.

Klimapolitisch ist das dann nicht schädlich, wenn die Energieeffizienz der neuen Kohlekraftwerke weiter deutlich gesteigert werden kann. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Klimaschädlichkeit von Erdgas bisher weit unterschätzt wurde, weil die Methanverluste bei Förderung und Transport unzureichend eingerechnet wurden.

Gleichzeitig kann deutsche Technologie rund um Kohleförderung, -nutzung und –verarbeitung weltweit vermarktet werden. Staaten wie China, Indien, Australien, Südafrika und USA werden noch jahrzehntelang auf Kohle als Energieträger setzen. Die in diesem Artikel skizzierte Politik könnte helfen, die Effizienz der Kohlenutzung in diesen Ländern mit Hilfe deutscher Technologie in den nächsten beiden Jahrzehnten mindestens zu verdoppeln und damit die Emission von Treibhausgasen aus diesem Bereich wenigstens zu halbieren.

Spätestens zur Mitte dieses Jahrhunderts sind die erneuerbaren Energien dann soweit, dass Atomenergie, Öl und Gas vollständig ersetzt sind und der weitere Ausbau zu Lasten des Anteils der Kohle gehen und diese in kurzer Zeit ganz überflüssig machen wird. Das sollte man schon heute der Kohlewirtschaft als politisch gewollt deutlich machen und parallel die Ansiedlung von Unternehmen der erneuerbaren Energien gerade in den alten Kohlerevieren beschleunigen. (uk)

 
 
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