Rede vom 26.10.2001


Ulrich Kelber im Plenum

Berlin, 26. Oktober 2001

Umweltgutachten 2000 des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen - Schritte ins nächste Jahrtausend.


Ulrich Kelber (SPD): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Bilder von den Hochwasserkatastrophen in Vietnam und Norditalien sind noch frisch in Erinnerung. Diese Ereignisse waren klare Folgen der Klimaveränderung, also eines der beschriebenen globalen Umweltrisiken.

Als ich mich auf diese Rede vorbereitet habe, habe ich mich an eine andere Umweltkatastrophe erinnert. Als Student konnte ich 1991 die Region nördlich von Tschernobyl besuchen. Ich habe mich wieder an leer stehende Häuser, an gesperrte Gebiete und an den Besuch in einem Krankenhaus mit leukämiekranken Kindern erinnert.

Dies sind für mich Beispiele globaler Umweltveränderungen und Umweltrisiken, die deutlich machen, warum die SPD den Bericht der Bundesregierung und das Jahresgutachten 1998 "Welt im Wandel - Strategien zur Bewältigung globaler Umweltrisiken" begrüßt.

Es ist richtig, wenn die Bundesregierung schreibt: Die Unterstützung, die dieses Gutachten für den rationalen und nachvollziehbaren Umgang mit globalen Umweltrisiken liefert, ist wichtig. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Meine persönliche Ergänzung: Dieses Gutachten fordert auch ein konsequentes Vorgehen ein. Das sage ich auch nach den Erfahrungen, die ich in meinen ersten Wochen im Bundestag sammeln konnte, gerade auch nach den Vorträgen von Herrn Lippold und Frau Homburger. Hören Sie aufseiten von CDU und F.D.P. auf, sich den Umweltdebatten zu verweigern! Helfen Sie mit, dass wir diese Schritte gehen können. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

Bericht und Jahresgutachten ermuntern zu verstärkter internationaler Zusammenarbeit. Es ist gut und wichtig, dass in der Europäischen Union die Idee von Risiko- und Umweltvorsorge immer mehr Platz einnimmt. Der Erfolg, dass "Umwelt" ein Thema bei den GATT-Verhandlungen wird, ist ein Beispiel dafür. Es zahlt sich aus, dass wir, von allen Parteien getragen, unsere osteuropäischen Nachbarn im Transformationsprozess begleitet haben. Hier gibt es erste Ergebnisse. Auch in den Vereinten Nationen ist diese Debatte wichtiger geworden. Gerade die Arbeit an der Konvention für das Verbot oder eine starke Reduktion dauerhafter organischer Schadstoffe ist dafür ein Zeichen. Als letztes Beispiel könnte man die immer stärkere Integration der Umweltpolitik in die deutsche Entwicklungszusammenarbeit nennen. (Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Aber Bericht und Jahresgutachten ermahnen auch zu nationaler Verantwortung und Handeln. Dies möchte ich am Beispiel von Klima- und Energiepolitik noch einmal deutlich machen. Die Jahre 1990 bis 1998, die zweite Hälfte der Regierung Kohl - Frau Homburger, ich habe gerade noch einmal nachgeschaut, Sie waren auch zu dieser Zeit schon Abgeordnete -, sind im Zusammenhang von Klima- und Energiepolitik völlig verlorene Jahre gewesen, völlig verlorene Jahre.. (Beifall bei der SPD - Hans-Peter Repnik [CDU/ CSU]: Sagen Sie einmal etwas zu Rio!)

Die Einsparung der klimawirksamen Gase stammt vollständig aus dem Zusammenbruch der Industrie der fünf neuen Länder. (Birgit Homburger [F.D.P.]: Das stimmt nicht!)

Im Westen - das können Sie in den Quellen, die Sie heute selber genannt haben, nachlesen - hat der CO2 -Ausstoss in dieser Zeit noch zugenommen. Ich habe mich, ehrlich gesagt, gewundert, dass der Sachverständigenrat diese einfachen Zahlen in seiner Wertung übersehen hat. (Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Wir wundern uns auch!)

Wenn ich gerade beim Sachverständigenrat und seinem Umweltgutachten bin, das viele wichtige Anregungen und auch Kritik enthält, über die man reden kann, dann muss man aber auch sagen, dass es nicht nachvollziehbare Minderheitsmeinungen enthält. Ich denke hier etwa an die reine Ideologie, dass man keine direkten Zuschüsse für erneuerbare Energien zahlen solle. Leider findet man diese Grundhaltung auch bei CDU und F.D.P. (Beifall bei der SPD)

Vertrauen auf den Markt reicht in dieser wichtigen Frage nicht aus. Die großen Stromkonzerne bauen Kapazitäten ab und wollen das Geld mit den Anlagen verdienen, in die sie bereits vor vielen Jahren investiert haben. Engagement für erneuerbare Energien ist nicht da. Daher brauchen wir Markteinführungsprogramme - ein wichtiges Versäumnis von CDU und F.D.P. bis zuletzt. Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel deutlich machen. Es gab das so genannte 1 000-Dächer-Programm. Ich hatte immer eher das Gefühl, es sei ein 1 000-Beamte-Programm, weil es so kompliziert war und es so lange dauerte, bis ein Zuschuss kam. Wir haben in einer kleinen Kommune namens Bonn ein lokales Programm aufgelegt und in einem einzigen Jahr mehr Photovoltaik auf die Dächer bekommen als Sie mit Ihrem 1 000-Dächer-Programm bundesweit in zwei Jahren. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

So kann man handeln, wenn man möchte. (Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: So setzt man aufs falsche Pferd! Herzlichen Glückwunsch!)

Der Umgang mit globalen Umweltrisiken wird zunehmend auch eine wirtschaftliche Frage: nicht nur wegen der Kosten für mögliche Umweltkatastrophen, sondern weil eine Politik zur Vermeidung globaler Umweltrisiken auch eine Politik der Nachhaltigkeit ist, also eine Politik zur Erhaltung von Wohlstand und zur Ermöglichung von Entwicklung.

Lassen Sie mich auch das am Beispiel der Energiepreise erläutern: Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, insbesondere von Öl, ist nicht nur ein globales Umweltrisiko wegen der Klimaveränderungen und der Möglichkeit des Zusammenbruchs ozeanischer Zirkulation, sondern die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist eine direkte Gefahr für den Wohlstand im Norden und für die Entwicklung im Süden. Wer es wissen wollte, weiß es seit Jahren: Die Zeit billigen Öls geht zu Ende, weil das Öl zu Ende geht.

Ein neues Gutachten der Bundesregierung, aber auch die Expertise der zweitgrößten kanadischen Bank CIBC zeigen ganz klar: Wir stehen nur noch wenige Jahre vor den ersten ernst zu ehmenden und dann auch nicht mehr zu behebenden Versorgungsengpässen beim Öl. Die Folge wird ein Ölpreisschock sein, der die von Mitte der 70er- und 80er-Jahre und auch die Entwicklung der letzten Monate weit in den Schatten stellt. Deswegen müssen wir weg von der Abhängigkeit vom Öl, schnell und konsequent. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. Winfried Wolf [PDS])

Wenn wir weg von der Abhängigkeit von Öl wollen, dann müssen wir natürlich wegen der bekannten globalen Umweltrisiken hinein in Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Da kann man etwas tun, und die Koalition und die Bundesregierung handeln auch. Ein Beispiel ist das Programm für die Wärmesanierung von Altbauten. Die zinsvergünstigten Kredite im Rahmen dieses Programms werden in den nächsten drei Jahren ein Volumen von 6 Milliarden DM haben. Frau Homburger, das können Sie nicht einfach als altbekannt abtun. Ich möchte einmal sehen, ob Sie, wenn dann Zehntausende neuer Arbeitsplätze entstehen, den dort Beschäftigten sagen, sie hätten ihren Arbeitsplatz nur durch ein altbekanntes Programm bekommen. (Hans-Peter Repnik [CDU/CSU]: Das ist doch das Erbe von uns, nicht eine neue Idee von Ihnen!)

Ein 100 000-Dächer-Programm, das so erfolgreich ist, dass man bereits die Fördermechanismen anpassen muss, die Markteinführung von erneuerbaren Energien und auch die Förderung von Kraft-Wärme-Kopplung nenne ich als Beispiele für unsere Politik. Sie hat in meiner Heimatstadt zu dem schönen Ergebnis geführt, dass die CDU-Stadtratsmehrheit jetzt die Gelder aus der Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung vereinnahmen kann.

Die Bürger erkennen zunehmend globale Umweltrisiken und sind auch bereit, eine vorsorgende Politik zu akzeptieren. Vor diesem Hintergrund sind die platten Sprüche von CDU und F.D.P. zu den Energiepreisen absolut unverantwortlich. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

Aus rein parteipolitischen Gründen wollen sie den Bürgern weismachen, die Probleme durch die Senkung von Energiesteuern lösen zu können. Das ist falsch und widerspricht übrigens auch dem Rat der Wirtschaftsweisen. Das Gegenteil würde eintreten: Würden wir die Energiesteuern senken, würde die Abhängigkeit vom Öl konserviert. (Birgit Homburger [F.D.P.]: Es geht um eine Umsteuerung!)

Würden wir diesem gefährlichen Unsinn folgen, Frau Homburger, müssten die Bürger schon in wenigen Jahren die Zeche für eine solche Politik von CDU und F.D.P. zahlen. Würde dann nämlich das Öl knapp und unbezahlbar und wir wären dann immer noch vom Öl abhängig, bedeutete dies einen Wohlstands- und Jobverlust für Millionen Menschen in unserem Land.

Wenn wir jetzt handeln, mag es unbequem sein. Wir müssen manche Diskussion aushalten, weil es natürlich schwierig ist, gegen platte Sprüche mit Argumenten anzugehen. Das ist immer schwierig. (Birgit Homburger [F.D.P.]: Das kennen wir!)

Aber wenn wir jetzt handeln, erreichen wir drei Dinge: Wir sichern erstens Wohlstand und Arbeitsplätze in unserem Land dauerhaft, (Zuruf von der CDU/CSU: Ach Gott!) wir ermöglichen zweitens die Entwicklung in ärmeren Ländern und wir verringern drittens die beängstigende Gefahr globaler Umweltrisiken. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Anke Fuchs: Herr Kollege Kelber, Sie sind seit dem 1. September dieses Jahres Mitglied dieses Hauses und haben heute Ihre erste Rede gehalten. Ich beglückwünsche Sie dazu im Namen des ganzen Hauses. (Beifall)

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