Rede vom 18.01.2003


Ulrich Kelber im Plenum

HSPD-Rhein-Berg Neujahrsempfang
(Manuskript)


Chef von Porsche, Wedeking: „Wenn die Deutschen Licht am Ende des Tunnels sehen, verlängern Sie den Tunnel.“

In diesem Sinne: Begrüßung

Tunnel als Symbol: Ja, wir haben in Deutschland Probleme zu lösen. Darunter einige hausgemachte Probleme.

Licht als Symbol: Gegen den Defaitismus und als guten Wunsch für Sie alle in 2003

Im Herbst Titel der Rede gewählt à Nicht geahnt, wie aktuell der Titel „Prima leben statt sparen“ werden würde

Wie gesagt: Wir haben in Deutschland hausgemachte Probleme zu lösen.

Aber für die Untergangsstimmung, die schrullige Feuilletonisten und radikalisierte Boulevard-Journalisten verbreitet haben, fehlt mir jedes Verständnis. Man kann ein Land auch kaputtreden.

Die Besserwisser finden wir überall:

Wie so oft sind die extremen Vorschläge nur scheinbare Lösungen.

Weder die CDU/CSU/FDP-Vorschläge, dem Staat bis zu 170 Mrd. Euro zu entziehen, noch die Steuererhöhungsvorschläge von ver.di & Co. funktionieren. Und zwar von vorne bis hinten nicht.

Sparen ist sicherlich kein Selbstzweck. Aber prima leben statt sparen geht eben auch nicht!

Der Staat muss Aufgaben erfüllen können. Und er muss in einer Krisensituation auch einmal Steuervergünstigungen und Subventionen abbauen dürfen, um übermässige neue Schulden zu verhindern.

Denn neue Schulden sind keine Lösung. Da hat die Politik seit 1970 dreißig Jahre große Fehler gemacht. Quer durch alle Parteien. Erst seit 1999 wird wirklich versucht, die Neuverschuldung Jahr zu Jahr zu senken. Übrigens mit einigem Erfolg, trotz des Ausreissers 2002. Aber selbst da weniger Schulden als 1997. 2003 die wenigsten neue Schulden seit 15 Jahren. Inflationsbereinigt sogar schon die wenigsten neuen Schulden seit 25 Jahren.

Müssten wir nicht die Zinsen für alte Schulden bezahlen, hätten wir längst Überschüsse in den öffentlichen Haushalten. Die alten Schulden nehmen uns heute Chancen für die Zukunftsgestaltung, weitere neue Schulden würden der nächsten Generation alle Chancen nehmen. Und die haben keine Lust, unseren Konsum von heute morgen mitzubezahlen.

Worum geht es also wirklich? Was ist in Deutschland reformbedürftig und wie sehen die Eckpunkte der Lösungen aus? Dazu fünf Thesen!

These 1: Der Staat ist nicht arm, aber er muss umschichten

Manche messen sozial gerechte Politik an Höhe von Transferleistungen (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld ...)

Dies ist Unsinn. Wir wenden immer mehr Geld auf, ohne mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen.

Dabei befinden wir uns längst in einem Wettlauf zwischen Kürzungen aus Geldnot oder grundlegenden Reformen. Ich will diesen Wettlauf gewinnen.

Denn nicht die Summe an Transferleistungen ist entscheidend für soziale Gerechtigkeit, sondern die Gleichheit der Chancen. Das jeder Mensch sein Potenzial voll entfalten kann.

2001 gingen 215 Mrd. Euro von 243 Mrd. Euro des Bundeshaushalts in konsumptive Ausgaben. Fast 100 Mrd. Euro für Renten und Pensionen. Für Zukunftschancen ist da nur noch wenig Platz.

Und immer mehr engen zusätzliche Zuschüsse für konsumptive Ausgaben und die sozialen Sicherungssysteme die Möglichkeit ein, in Zukunft zu investieren. Dieses Dilemma kann man nur mit großen Schritten lösen.

Die Zuschüsse zu Renten, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe etc. müssen sinken, um Ausgaben für Bildung und Infrastruktur zu steigern. Allerdings nicht für die weitere Senkung von Spitzensteuersätzen.

Die Anrechnung des Partnereinkommens bei der Arbeitslosenhilfe war ein erster richtiger Schritt. Warum sollten wir Gelder der Gemeinschaft in Haushalte geben, die diese nicht unbedingt benötigen? Als nächstes muss auch die Subventionierung der Rentner-KV muss abgebaut werden. Wir müssen alle Einkommen berücksichtigen, auch Mieteinnahmen und Zinsen.

These 2: Die Steuerquote ist nicht zu hoch, aber die Abgaben auf Arbeit müssen sinken

Wir haben eine historisch niedrige Steuerquote in Deutschland. Und auch einen guten Platz im internationalen Vergleich.

Körperschaftssteuer von 40% auf 25% gesunken. Spitzensteuersatz von 53% auf 48,5% gesunken. Eingangssteuersatz von 25,9% auf 19% gesunken. Gewerbesteuer faktisch abgeschafft.

Am 1.1.2004 und 1.1.2005 nächste Stufen der Steuerreform. Schon Gesetzeskraft. Spitzensteuersatz dann runter auf 42% und Eingangssteuersatz runter auf 15%. Außerdem weitere Erhöhung steuerfreien Minimums.

Keine weitere Senkung notwendig. Keine weitere Senkung möglich. Aber: Ausnahmen abbauen, dafür Breite erweitern. Trotz Schreien der Lobbyisten. Beispiel Mehrwertsteuerermäßigungen und teure Werbeartikel.

Kein anderes Land leistet es sich in ähnlicher Weise, Arbeit teuer zu machen. Deswegen liegt die Beschäftigungsschwelle von Wirtschaftswachstum in Deutschland so hoch.

2002 und 2003 haben fast alle Fortschritte bei der Senkung der Lohnnebenkosten seit 1998 wieder zunichte gemacht. Denn das Steigen der Lohnnebenkosten und damit des Preises für Arbeit war der große Fehler der Regierung Kohl und deren Finanzierung der Wiedervereinigung.

Was war die Folge dieser falschen Politik von CDU/CSU und FDP? Wir haben so wenig öffentliche Beschäftigung wie in den USA und UK. Und gleichzeitig haben wir so wenig private Dienstleistungen wie in Skandinavien. Wir haben das schlechteste aus zwei Welten.

Deswegen jetzt weitere Schritte.

Bei Rente müssen wir die kapitalgestützte Säule ausbauen und damit die Rentenbeiträge langfristig senken. Aber auch die heutige Rentner-Generation muss einen Anteil leisten. Allerdings nicht linear. Man kann Menschen mit Minirenten keine zusätzlichen Belastungen auflegen. Das sollten bestimmte Professoren mal begreifen. Rentnerinnen und Rentner mit hohen Einnahmen können dagegen schon einen Beitrag leisten. Denn Armut im Alter ist kein Massenphänomen mehr, Armut in Familien schon. Und darauf müssen wir uns mit der staatlichen Unterstützung konzentrieren.

Bei Arbeitslosigkeit und Krankenversicherung müssen wir das solidarische System erhalten. Die großen Lebensrisiken müssen abgedeckt belieben. Für das Alter kann man vorsorgen, für Krankheiten nicht. Die können angeboren sein oder plötzlich kommen. Private Versicherungen und Belohnungen für Gesundheit sind keine soziale Politik.

Und trotzdem ist einiges machbar. Im Bereich der Arbeitslosenversicherung wird Hartz für viel Luft sorgen. Das werden wir schon Ende des Jahres zum ersten Mal merken.

Und im Bereich der Krankenversicherung? Da steht ein harter Kampf gegen die mächtigen Lobbys zuvor. Wir brauchen mehr Wettbewerb: Zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken und Pharmafirmen. Weg mit den Monopolstrukturen wie z.B. dem Vertragsmonopol der KBV. Weg mit Preisfestlegungen. Her mit Positivliste. Wo ist denn bei dieser Deregulierung eigentlich die FDP?

Freie Verträge zwischen Kassen und Ärzten. Pauschalen fürs Heilen und nicht Geld fürs Verbleiben im System. Bonus für Hausarzt-Priorität. Bonus für gesunde Lebensweise.

Ganz selbstkritisch: Wer übergewichtig sein will, soll dafür auch einen Risikozuschlag zahlen.

These 3: Förderprogramme gibt es genug, aber die Bürokratie ufert aus

Eigentlich müssten wir in Deutschland die besten Gebäude der Welt haben. Und das gerechteste Steuersystem der Welt. Und die gesundesten Menschen. Und die sichersten Fabriken. Und die geringsten Umweltbelastungen.

Zumindest, wenn wir das am Umfang der rechtlichen Regelungen messen würden.

Über 70% der weltweiten Baurechtsregelungen existieren in Deutschland. 90% der weltweiten Steuerfachkommentierung. Die Mehrzahl der Vorschriften im Gesundheitssystem. Die langwierigsten Genehmigungsverfahren. Und das komplizierteste Umweltrecht.

Diese Bürokratie nimmt uns immer mehr die Luft zum Leben. Juristen und Beamte in Deutschland haben ihre Kreativität in eine falsche Richtung gelenkt. Das müssen wir ändern.

Erste richtige Schritte sind erfolgt: Einfachere Buchhaltung in Kleinbetrieben, reduzierte Rabattvorschriften, vereinfachte Billigjobs und eine Lockerung des Ladenschlussgesetzes.

Wolfgang Clement hat es auf Bundesebene vorgemacht. Wir brauchen Masterpläne für Bürokratieabbau. Mit konkreten Vorschlägen von Verbänden und Bürgern. Ich ermutige Sie: Machen Sie das auch hier auf Kreisebene oder in Ihrer Gemeinde.

Und ein letztes Beispiel als Umweltpolitiker: Schadstoffe sind nicht mehr das Hauptproblem in der Umnweltpolitik. Sondern langfristige Gefahren wie Klimaschutz und Bewahrung der Artenvielfalt. Deswegen können wir vermutlich 90% des Umweltrechts streichen, wenn wir gleichzeitig die Umwelthaftung drastisch verschärfen. Schade, dass das die Wirtschaftslobby bisher ablehnt.

These 4: Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist gut, aber die Binnennachfrage lahmt

Die Standortdebatte ist verlogen. Deutschland hat kein Problem mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Wir sind Vizeweltmeister im Export mit weiter steigenden Überschüssen. Die OECD sieht Deutschland in der absoluten Weltspitze bei der Wettbewerbsfähigkeit, weit vor den anderen großen europäischen Ländern.

Das große deutsche Problem ist, nebn den Kosten für Arbeit, die mangelnde Nachfrage in Deutschland. Wir sparen uns kaputt. Mit unserer Sparquote sind wir Europameister. Bei der Nachfrageentwicklung dagegen Schlußlicht.

Dafür gibt es mehr Ursachen als eine besondere deutsche Mentalität. Natürlich hat auch das Chaos der ersten Wochen nach der Bundestagswahl einen großen Anteil. Auch die Opposition mit ihrer Dauerkritik. Aber die Hauptschuld trägt die Wirtschaft selbst mit ihrem unsinnigen Untergangsgerede.

Wenn Menschen Angst vor der Zukunft haben, kaufen sie keine Autos, Möbel, Fernseher etc. Wann begreifen das die Herren Hundt, Rogowski und Co. endlich?

Wir brauchen mehr Zuversicht. Nicht alles ist schlecht in diesem Land. Um unsere Probleme beneiden uns 90% der Weltbevölkerung. Wenn man das einsieht, kann man sich auf das wirklich zu Ändernde konzentrieren. Und gibt den Menschen gute Aussichten für die Zukunft. Dazu kann jeder einen Beitrag an seiner Stelle leisten.

Die Politik muss eine verbindliche Reformagenda geben. 2003 müssen die Eckpunkte der Reformen im Gesundheitssektor stehen. Wir müssen den Blick auf die Steuersenken 2004 und 2005 schärfen.

Und die Finanzpolitik sollte keine kurzatmigen Konjunktur- und Verschuldungsprogramme haben, sondern nachhaltige Finanzierung von Investitionen gewährleisten. Damit Bürger, Wirtschaft und Wissenschaft planen können. Hans Eichel war da auf einem guten Weg. 2003 muss er zeigen, dass 2002 nur ein Ausreisser war.


These 5: Forschung und Wissenschaft in Deutschland sind top, aber unser Bildungssystem ist rückständig

Deutschland ist unter den großen Wirtschaftsnationen Spitzenreiter bei Patentanmeldungen. Wir geben mehr Geld pro Kopf für Wissenschaft und Forschung aus als alle anderen großen europäischen Länder. Wir haben große Weltmarktanteile bei allen High-Tech-Produkten.

Und nach den Rückgängen bei den staatlichen Forschungsausgaben in den 90er Jahren wurden die Ausgaben seit 1998 um fast 30% erhöht. Dazu kamen wichtige Strukturreformen wie das neue Hochschul-Dienstrecht.

Aber Sorgen müssen wir uns um das Bildungssystem in Deutschland machen. Spätestens seit PISA ist das klar. Kein deutsches Bundesland erfüllt die Zukunftsanforderungen. In NRW fehlen die Spitzenleistungen, in Bayern dagegen die notwendige Breite. Denn was nützen 18% Abiturienten, wenn wir nach Schätzung der OECD 40% jedes Jahrgangs mit einem Hochschulabschluss brauchen?

Nicht streiten, wer ein, zwei oder drei Meter unter der Wasseroberfläche schwimmt. Denn da unten ertrinken wir alle.

Was brauchen wir? Mehr fordern und fördern. Klare nationale Standards. Mehr Eigenständigkeit. Mehr Integration. Ganztagsbetreuung. Sprachtests im Kindergarten. Mindestens ein Jahr Kindergartenpflicht. Kein Sitzenbleiben und kein Schulverweis. Raus aus den Schützengraben der 70er Jahre Bildungsdiskussion.

Ich hoffe, ein bisschen Appetit auf die Lösung von Problemen gemacht zu haben.

Die SPD stand immer bereit, wenn Deutschland wirtschaftliche Probleme hatte. 1918, 1933, 1945, 1966, 1973, 1979 und 1998

Auch jetzt können Sie sich wieder auf uns verlassen

!!! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit


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