Rede vom 27.05.2003


Ulrich Kelber

Rede zur Agenda 2010 auf dem außerordentlichen Parteitag der Bonner SPD am 27. Mai 2003


Liebe Genossinnen und Genossen

Willy Brandt hat es in seiner Abschiedsrede als Parteivorsitzender deutlich gesagt: "Jede Zeit braucht ihre eigenen Antworten. Man muss auf der Höhe der Zeit sein, um Gutes bewirken zu können."

Ich bin fest überzeugt, dass wieder ein Zeitpunkt gekommen ist, unsere Politik neu zu formieren. Wir müssen neue Antworten auf neue Herausforderungen geben.

Unser Bonner Weg, an Diskussionsabenden eine Entscheidung vorzubereiten und dann auf einem Parteitag zu entscheiden, ist goldrichtig. Wir machen dies jetzt schon seit einigen Jahren so. Und wir tuen dies solidarisch auch unter hohem Zeitdruck.

Davon könnte die Bundesebene etwas lernen. Es geht ums Überzeugen, nicht nur ums Durchsetzen von neuer Politik. "Basta" ersetzt keine Argumente.

Am 1. Mai hat Klaus Wiesehügel gesagt, es sei wieder wie unter Kohl.

Recht hat er. Nur in einem anderen Zusammenhang, als er das gemeint hat.

Kohl hat damit angefangen, wir haben es noch nicht beendet: Dieses Land lebt in einer Selbsttäuschung. Wir haben uns zu lange nicht eingestanden, dass wir über unsere Verhältnisse leben, auf Substanz fahren, laufend Zukunftschancen vernichten.

Die jetzige Wirtschaftskrise macht überdeutlich, dass wir dringend umsteuern müssen, weil unsere Strukturen nicht mehr krisenfest sind. Unsere Nachbarn haben es mit Erfolg vorgemacht. Jetzt müssen wir mit hohem Tempo aufholen.

Dazu gehört es zu allererst, die Realitäten beim Namen zu nennen, die Realitäten zu akzeptieren und seine Schlüsse zu ziehen.

Realität Nummer eins


Deutschland hat in Wirklichkeit bereits 4,2 Billionen Euro Schulden gemacht, das ist mehr als der Gegenwert von zwei Einfamilienhäusern pro Kopf. Es kommen nämlich zu den 1,2 Billionen Schulden der öffentlichen Haushalte noch die Verbindlichkeiten des Generationenvertrags dazu.

Wir haben der aktuell jungen Generation und dem kommenden Generationen eine finanzielle Last aufgebürdet, die nicht mehr zu schultern ist.

Wenn ich jetzt in der SPD und in den Gewerkschaften Sätze höre wie "Man kann sich aus einer Krise nicht heraussparen" und damit neue Ausgabenprogramme gefordert werden, dann ist das nichts anderes als ein Raubzug an den Zukunftschancen der kommender Generationen. Mit mir ist das nicht zu machen.

Realität Nummer zwei


Die Rente ist nicht sicher, unser Gesundheitssystem für seine Leistung viel zu teuer und ohne Reformen vor dem Kollaps.

Es ist wunderschön, dass die Menschen immer länger leben. Und es ist ein Faktum, dass wir geringere Geburtenraten haben. Aber wir müssen doch endlich eine Politik machen, die das zur Kenntnis nimmt.

Wie sollen denn Umlagesysteme überleben, bei denen Jahr für Jahr weniger aktive Beitragszahler für immer mehr Mitglieder ohne oder mit defizitären Beiträgen aufkommen müssen?

Da müssen wir an vielen Baustellen ran, eine allein reicht vorne und hinten nicht. Die Finanzierung muss auf andere Füsse gestellt, der Wettbewerb erhöht, die Qualität verbessert und die Leistungen verringert werden. Sonst rollt hier eine Katastrophe schon in wenigen Jahren auf uns zu.

Realität Nummer drei


Deutschland ist zu unflexibel geworden. Für alles und jedes gibt es Verordnungen und Gesetze. Neue Verordnungen werden laufend produziert.

Über 30.000 Gesetze hat allein die Bundesebene bis 1998 produziert. Seitdem sind fast 400 dazugekommen, aber trotz allen Bemühungen um Bürokratieabbau nur 100 verschwunden.

Manche Gesetze beruhen – wie die Handwerksordnung – noch auf mittelalterlichen Ausgrenzungsversuchen. Die Verordnung zur Aufschichtung von Osterfeuern in NRW beruht wohl auf ein paar unausgelasteten Beamten und Landtagsabgeordneten.

Wer ein Unternehmen gründen will, muss tausende von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien einhalten. Wer jemanden einstellen will, muss eigentlich einen Rechtsanwalt um Rat fragen.

Zwei Drittel der Steuerfachliteratur weltweit kommt aus Deutschland. Die Hälfte der Gesetze und Verordnungen im Baubereich auch.

Wir sind erstarrt, statt ein dynamisches Wachstum und eine dynamische Veränderung zu organisieren. Hier müssen wir umsteuern. Die Flexibilisierung bei Neueinstellungen gehört dazu, ist aber nur ein kleiner Baustein.

Realität Nummer vier


Die deutsche Arbeitsmarktpolitik in alter Form ist gescheitert. Wir haben 35 Jahre lang mehr Geld ausgegeben als alle westlichen Nachbarstaaten und weniger Erfolge gehabt.

Unsere Qualifizierungs- und Vermittlungserfolge sind grottenschlecht. Stattdessen haben wir das Geld für Transferleistungen ausgeben.

Und auch noch Frühverrentungen subventioniert. Obwohl nur ein Bruchteil der so frei werdenden Arbeitsplätze wieder besetzt wurde.

Ein Mehr an "Weiter so" hilft den Menschen nichts. Wir müssen in dieser Frage massiv umsteuern. Auch dann, wenn das soziale Netz weniger weich wird. Wir haben unser Geld falsch ausgegeben. Wir müssen wieder Perspektiven schaffen, statt Perspektivlosigkeit zu finanzieren.


Zurück zu Agenda 2010


Die Agenda 2010 besteht aus dreißig einzelnen Punkten. Die Großzahl ist innerhalb der SPD völlig unstrittig. Z.B. die Reform der Handwerksordnung, das kommunale Investitionsprogramm, das Ausbildungsprogramm etc.

Darin stecken übrigens meist auch die Wachstums- impulse die einige bei den Kürzungen vermissen.

Diskutieren tun wir meist über vier Punkte. Die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds, die Höhe der Arbeitslosenhilfe, die Finanzierung des Krankengelds und die Flexibiliserung bei Neueinstellungen.

Ich möchte bei den beiden letzten Punkten daran erinnern, dass Hubertus Schmoldt die Finanzierung des Krankengelds als akzeptabel bezeichnet hat und auch Gottfried Schmitz sowie Andrea Nahles die Flexibilisierung bei Neueinstellungen als problemlos ansehen.

Ich möchte noch etwas zu der Forderung sagen, wir müssten auch die Besserverdienenden stärker in die Reformen einbeziehen. Ich kann dies verstehen und teile diese Ansicht zum großen Teil.

Dennoch schlage ich einen anderen Weg vor, als Zustimmung oder Ablehnung Agenda 2010 damit kompromisslos zu verbinden.

Denn meisten taucht als erster Vorschlag die Vermögenssteuer auf. Übrigens immer ohne konkrete Zahlen, denn bei entsprechenden Freibeträgen, um nicht Betriebe in der Substanz zu treffen oder Besitzer von Häusern zu belasten, sind die Einnahmen gering und benötigen viel Bürokratie.

Aber der entscheidende Punkt ist: Wir dürfen uns nicht auf Vorschläge konzentrieren, für die wir CDU und FDP im Bundesrat brauchen. Die Vermögenssteuer wäre ein solcher Vorschlag. Wir müssen die Krise mit unserer eigenen Mehrheit meistern.

Das gilt übrigens auch für die weitere Senkung des Spitzensteuersatzes, die schon Gesetz ist. Aus heutiger Sicht ist das natürlich falsch, weil unbezahlbar, aber gar nicht mehr aufzuhalten, weil wir sonst den politischen Gegner ins Spiel bringen.

Was wir dort zu erwarten haben, hat die Ablehnung der Positivliste, mit der wir im Gesundheitssystem viel Geld hätten sparen können, gerade erst gezeigt.

Übrigens haben wir Anfang 2003 mit der Anhebung der Beitragsbemessungsgrenzen und der Verschärfung der Körperschaftssteuer gerade die Besserver- dienenden belastet.

Eins ist klar: Die Agenda 2010 berücksichtigt bei den sozialen Sicherungssystemen nur die Ausgabenseite. Wir müssen auch über die Einnahmenseite sprechen. Und dabei vor allem darüber, wie wir alle Gruppen der Gesellschaft gerecht beteiligen.

Aber es ist auch klar: Selbst bei einer Umstrukturierung der Einnahmeseite müssen wir auf der Ausgabenseite handeln, brauchen wir die Agenda 2010. Die Ausgaben wachsen zu schnell. Wegen struktureller Probleme und wegen der demografischen Entwicklung.

Deswegen bitte ich Euch, mir als Person zu vertrauen, wenn ich im Antrag sage, wir müssen auch parallel und zeitnah mit der Diskussion über die Einnahmeseite beginnen.

Dies ist keine Leerformel. Ich will diese Diskussion in der Bonner SPD und auf Bundesebene. Zusammen mit drei MdB-Kollegen, darunter Martin Dörmann aus Köln, schreibe ich derzeit an einem Papier zum grundlegenden Umbau der Sozialsysteme.

Wir erfinden nichts neu, wir filtern aus den vielen öffentlich Vorschlägen ein zukunftsfähiges Modell heraus. Diesen Vorschlag erarbeiten wir im Auftrag eines Zusammenschlusses von 40 SPD-MdB. Wir werden das Papier Ende Juni veröffentlichen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir in der Bonner SPD über mein Papier intensiv diskutieren könnten.

Liebe Genossinnen und Genossen,
die Agenda 2010 ist der Anfang notwendiger Reformen, nicht der Endpunkt.

Weitere Schritte werden folgen müssen. Weitere Einsparungen, weitere Zumutungen, aber auch Umstrukturierungen, die die soziale Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft erhöhen.

Denn wir wollen soziale Gerechtigkeit. Allerdings soziale Gerechtigkeit auf einem hohen Wohlstandsniveau mit guten Zukunftschancen für junge Menschen. Dieses Wohlstandsniveau und diese Zukunftschancen sind in Gefahr. Deswegen müssen wir handeln.

Ich bitte Euch um Eure Zustimmung zum vorliegen Antrag und danke für die Aufmerksamkeit und Geduld.


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